Als ein Freund mir ein Buch von Hans Weigel aus dem Artemis-Verlag schenkte, habe ich mich echt gefreut. Es heißt: „Die Leiden der jungen Wörter.“ Zwar hat der kluge Kalauer sein Wörterbuch schon 1973 am Wörthersee beendet, doch ich möchte den Verkauf hier noch einmal etwas anheizen. Denn auf den ersten Anhieb wird dem, der es durchblättert, klar, daß unser modernes Alltagsdeutsch so ein wenig erkrankt ist. Heile, heile Wörter! Wer aber annimmt, Hans Weigel hätte sich an die Klagemauer gesetzt, der ist angenehm enttäuscht. Er will niemanden denunzieren, niemanden anschießen. Er kommentiert die „neuen Wörter“ nach der Reihenfolge des Alphabets, und sowohl in Bälde als auch zur Gänze merkt der Leser, was mit dem Buch des Autors und mit seinem eigenen Sprachschatz los ist.

Es scheint, daß unser Deutsch vor allem dort Schaden erlitten hat, wo es sich um Ballungsräume handelt, die von Politikern beherrscht werden. Wenn diese Menschen sich mit ihren Reden das Recht herausnehmen, dieses oder jenes Problem, auszuklammern, so erwidert dieser Weigel, daß dies unmöglich sei: einklammern, ja, das könne gemacht werden, doch ausklammern nicht. Die Psychologie hat uns schon längst ein paar Anhaltspunkte gegeben. Stellen falsche Sprachbilder sich nur gelegentlich ein, so ist das verzeihlich, aber wenn sie eskaladieren, so schließt der Psychologe auf Lügenhaftigkeit. Wendungen fremder Herkunft können auf Weltgewandtheit schließen, doch nichtsdestotrotz liegt der Verdacht vor, der Sprecher wolle etwas tabuisieren, was enttabuisiert werden sollte. Solche Fragestellungen bieten sich leider an. Aber es gibt noch andere Leiden.

Ich hörte einmal eine deutschholländische Nachrichtensendung: Auf holländisch hieß es, ein Flugzeug, das in Not geraten sei, habe noch landen können; auf deutsch mußte das Flugzeug eine Notlandung vornehmen. Seither bin ich leicht frustriert, wenn ich als Passagier vernehmen muß ich solle nach der Landung angeschnallt bleiben – nicht etwa so lange, bis die Motoren stehen, sondern bis sie vollständig zum Stillstand gekommen sind.

Manche Zeitungen honorieren ihre. Mitarbeiter nach der Zahl der Zeilen. Man liest hier wohl, daß ein Boxer, anstatt zu siegen, die Oberhand behielt, daß ein Mädchen nicht etwa einem Mann gefiel, sondern sein Gefallen fand, als er sie, anstatt sie einfach zu sehen, etwas komplizierter in Augenschein nahm, daß ein Haus den Flammen zum Opfer fiel, anstatt, daß es brannte. Das Rätsel löst sich leicht; wenn eine Zeile umläuft, springen leicht 25 oder 50 Pfennig, wenn nicht gar eine Mark mehr dabei heraus. Leider ist dieses Deutsch der Zeilenschinder in die Sprache unserer Bürokratie übergegangen. Das sollte in Betracht gezogen werden,

Dieses Problem hat Hans Weigel in seinem Buch transparent gemacht. Sein Trend war, das Modedeutsch wieder zu einer gesunden Sprache umzufunktionieren, deshalb gehört sein Buch in die Hand jedes Deutschen, Österreichers, Deutsch-Schweizers. Es ist geeignet, uns alle zu verunsichern. Durch Verunsicherung zur Sicherung! Als ich kürzlich bei einem Arbeitsessen zugegen war und die Rede auf die „Leiden der jungen Wörter“ kam, stellte jemand die Frage in den Raum: „Warum hat dieser Freund ausgerechnet Ihnen das Buch geschenkt?“ In solchen Fällen hat unser Kanzler empfohlen, daß einen Moment lang überhaupt nicht gedacht werden sollte: „Denkpause.“ Ich schlug eine Sprachpause vor.