Von Andreas Kohlschütter

Addis Abeba, im Juli

Nach Sigameta, dem „Fleischplatz“, 40 Kilometer von Addis Abeba, ließen äthiopische Könige früher ihre Fürsten und Landesherren laden. Hier wurden einst Hunderte von Ochsen und Hammeln geschlachtet, hier traf sich das imperiale Establishment zum üppigen Festschmaus. Im selben Sigameta ließ auch Äthiopiens neuer „roter König“ zur Sammlung blasen: Oberst Mengistu Haile-Mariam, Chef der äthiopischen Militärjunta (Derg), die am 12. September 1974 Kaiser Haile Selassie entthront, hatte.

Vor drei Monaten wurden hier rund 200 000 Bauern in einem riesigen Zeltlager zusammengetrieben und, instruiert von kubanischen Beratern, die ersten Kontingente eines gigantischen Volksmilizheeres aufgestellt. Es war jene „rote Macht“, die dann stundenlang durch die Hauptstadt paradierte und im Zeichen von „Revolution oder Tod“ auf den langen „roten Marsch“ geschickt wurde, in die große Schlacht der Volksmassen gegen die „Volksfeinde“.

Ein potemkinscher Parademarsch?

Ist „der Tag der roten Rache“ gekommen, den Mengistu kürzlich bei seinem Besuch im Sigameta-Camp ankündigte, der Tag, der aus „allen reaktionäre Papiertiger“ machen wird. Fangen jetzt „Schweiß und Blut“ an zu fließen, wie es der Junta-Chef in wilder kriegerischer Rede verhieß? Wird der aufgehetzte Milizhaufen „wie eine Seuche“ – so Mengistu – über alle inneren und äußeren Feinde herfallen?

Die militärische Kampfkraft dieser in Schnellkursen an Holzgewehren und Uraltflinten ausgebildeten Analphabetentruppe, die verschiedene Dialekte spricht und sich aus verschiedenen, einander mißtrauenden Stämmen zusammensetzt, wird allgemein als gering veranschlagt. „Die sind doch gerade erst von barfuß auf Lederschuhe umgerüstet worden und haben nicht viel mehr gelernt, als geradeaus zu marschieren und gegen den Fußpilz zu kämpfen“, ist von spitzer Zunge zu hören.