Nur eines ist an dem Fall klar: Die Bundesregierung denkt nicht daran, den Kanzleramtsspion Günther Guillaume und seine Frau Christel gegen den in der Sowjetunion geborenen, in die USA geflüchteten und nun spurlos verschwundenen Nikolai F. Artamonov alias Nicholas G. Shadrin auszutauschen.

In wichtigen Spionageaffären zwischen Ost und West taucht dieses Gerücht über Guillaume mit schöner Regelmäßigkeit auf; dagegen sind solche Austauscherwägungen in Bonn fast tabu.

Renommierte amerikanische Zeitungen hatten Gerüchte und Berichte über das mysteriöse Leben des Nicholas Shadrin und einen Austausch gegen das Ehepaar Guillaume oder den chilenischen Kommunisten Jorge Montes kolportiert (der inzwischen im Tausch gegen Häftlinge aus der DDR freigelassen wurde). Washington Post und Wall Street Journal lieferten sich dabei ein publizistisches Wettrennen; der Kolumnist und Enthüllungsjournalist Jack Anderson hatte schon im Juli 1976 davon Wind bekommen, aber von einer Veröffentlichung abgesehen.

Faszinierend ist nicht so sehr die Bedeutung des ehemaligen sowjetischen Marineoffiziers Artamonov als Spion, sondern sein rätselhaftes Schicksal – und die Tüchtigkeit eines amerikanischen Rechtsanwalts, der Licht in das Dunkel zu bringen sucht. Artamonov wechselte 1955 in die USA über und begann für CIA und FBI zu arbeiten. Jedenfalls sah es so aus. Über seine tatsächliche Rolle im Spionagedschungel gibt es verschiedene Versionen: Denkbar, daß er nicht nur für die Vereinigten Staaten (Wall Street Journal), sondern entweder immer oder spätestens nach einem Treffen mit KGB-Agenten 1966 heimlich weiter für die Sowjetunion arbeitete (Washington Post).

Seiner Frau verschwieg er, daß die amerikanischen Geheimdienste ihn als Doppelagenten engagiert hatten, und erklärte statt dessen, er arbeite für einige Russen, die in Wahrheit den Vereinigten Staaten helfen wollten. An wichtiges Material ist er offensichtlich nicht gelangt. Ob Shadrin wirklich in die Sowjetunion zurückkehren wollte, dorthin gewaltsam entführt wurde, ob er dort ist, oder ob er überhaupt noch lebt: Dies alles ist unklar. Fest steht nur, daß er am 20. Dezember 1975 vor der Votivkirche in Wien Verschwand. Er war dort mit KGB-Agenten verabredet.

Seitdem hat der amerikanische Rechtsanwalt seiner Frau, Richard D. Copaken, ein wahres Ideenfeuerwerk abgeschossen, um den Verschollenen von dort zurückzuholen, wo er ihn vermutet: aus der Sowjetunion. Er mobilisierte Präsident Ford und Henry Kissingen Breschnjew schrieb in dieser Sache an, Ford und telephonierte mit Erich Honecker – behauptete Copaken. Die DDR sei, wie er in internen Gesprächen in Berlin erfahren habe, an einem Austausch gegen Guillaume oder Jorge Montes interessiert gewesen. Aber die amerikanische Regierung habe sich nicht genügend stark gemacht.

Informell, auf diplomatischem Wege, scheint sie immerhin auch einmal Kontakt mit Bonn aufgenommen zu haben; Kanzler Schmidt und Präsident Carter sprachen allerdings nicht darüber. Das Rätsel bleibt, wessen Mann Nikolai Artamonov alias Shadrin wirklich war. gh