Wir stehen vor der Kasse, und ich sage zu der Dame hinter mir: „Daß es so voll ist, habe ich nicht erwartet, da sagt man sich, geh’ doch mal in den Zoo, und jetzt steht man hier Schlange.“ Die Dame sagt: „Und ich sah immer nur Ihren Rücken und dachte, warum geht der Mann nicht mal ein bißchen zur Seite, man kommt sich so klein vor.“ Ich sage: „Sonntags war ich noch nie hier.“ Und die Dame sagt: „Ich will mich einmal treiben lassen und Leute sehen und mir so meine Gedanken machen.“ Ich stelle mir vor, sie heißt Kaufmann, und ich sage: Ich bin aus den gleichen Gründen hier wie Sie.“ Und sie sagt: „Manchmal trifft es sich so.“

Wir lösen die Karten, und Fräulein Kaufmann versucht, mit mir Schritt zu halten; aber dann schlendern wir, und ich sage: „Solche Köpfe sieht man heutzutage selten.“ Fräulein Kaufmann sagt: „Meinen Sie den Herrn dort?“ Ich sage: „Ja den: dichte weiße Haare, braun gebrannt, Sportsakko, ungefähr einsachtzig groß mit höchstens achtzig Kilo und Spazierstock.“ Fräulein Kaufmann sagt: „An Wochentagen sind oft Herren hier, denen man ihr Alter gar nicht ansieht.“ Sie guckt den Herrn noch einmal an und will schon schneller gehen, aber dann schlendert sie so weiter und sagt: „Der Herr sieht einem Herrn ähnlich, den ich hier kennengelernt habe. Er hat eine kranke Frau zu Hause, sie war Lehrerin und ist pensioniert, und er ist Offizier gewesen.“

„Trug er denn auch einen Spazierstock?“ „Das hätte mir Vertrauen eingeflößt, nein, er ging ohne, und ich sagte, daß ich auch Lehrerin werden wollte, aber nun sei ich eben Bankangestellte.“ „Und was sagte er?“ „Er sprach von seiner kranken Frau und er erzählt ihr immer ganz plastisch, was ihm hier aufgefallen ist; aber etwas Schönes durfte es nicht sein; er sagte, sie solle daran merken, daß es überhaupt nichts gäbe, was sie neidisch machen könne.“

Ich sage: „Sehen Sie mal den Löwen da, wie der sich sonnt.“ „Auf den Löwen hatte mich der Herr auch aufmerksam gemacht, und wissen Sie, wie er ihn beschrieb? ‚Hingerekelt, sattes Verweilen dumpfmatschiger Gliedernder, Löwe in der Sonne“. Habe ich gelacht. Ist das nicht plastisch?“

Sie lacht wieder, und dann werden zwei Plätze im Restaurant frei. Aber Fräulein Kaufmann will nichts essen. Ich bestelle mir ein Kluftsteak, weil der Kellner es besonders empfiehlt, und sie ißt dann doch eine Gulaschsuppe.

Als das Kluftsteak kommt, schneide ich es in der Mitte durch und sage: „Sehen Sie, wie der dünne rote Saft auf den Teller sickert? Jetzt wische ich ihn mit einer Kartoffel auf. Im Zoorestaurant müßten alle Fleisch essen, so blutigrotes Roastbeef wie am Nebentisch. Und jemand müßte rotglühenden Hummer essen. Ich höre schon die Wüstenvögel, weit Weg.“ „So könnte der Herr auch reden.“ Fräulein Kaufmann lacht. Dann bestellt sie Erdbeereis. nirgend etwas Animalisches muß wohl von dem Herrn ausgegangen sein“, sage ich. „Nein, so würde ich es nicht sagen, er war eher verbissen.“

Nach dem Essen gehen wir zu den Tigern, und ich sage: „Sehen Sie den Tiger dort? Wie federnd er sich durch sein Quartier bewegt, immer lauernd und berechnend. Und was würden Sie noch dazu sagen?“ „Er hat einen bunten wollenen Körper und wird sich nie zufrieden geben.“ „Und dort“, sage ich, „ein Panther, straffmuskelig, zum Sprung bereit, steil abfallenden Hügeln entgegenstürzend, ein Panther in der Sonne auf seinem Kletterbaum.“ „Sie können das aber auch.“ „Hat der Herr das denn auch so beschrieben?“ „Nein, er war direkter, Sie umschreiben das mehr, aber anzüglich war er nicht.“ „Aber er war doch so plastisch.“ „Ja, aber nicht, wie Sie jetzt denken.“