Hamburg: „Hohe Kunst zwischen Biedermeier und Jugendstil – Historismus in Hamburg und Norddeutschland“

Das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe war eines der ersten (und ist eines der besten) seiner Art in Deutschland: 1877 zog Justus Brinckmann, dessen Initiative die Errichtung dieses Hauses zu verdanken war, als erster Direktor mit bereits versammelten Schätzen ein, ordnete und vermehrte sie. Über zwei Kriegen und der Wandelbarkeit dessen, was man Geschmack nennen kann, schließlich hinter den Rauchschwaden vom nahen Hauptbahnhof, geriet das Haus ein wenig ins Abseits des Interesses fortschrittsseliger Bürger. Aber seit Axel von Salden, der derzeitige Direktor, wieder mehr Farbe in das (und an das) Haus gebracht hat, bietet sich der neuerwachten Lust am Geschmack von gestern und vorgestern hier ein höchst angenehmer Aufenthalt, für Belehrung und Vergnügung gleichermaßen geeignet. Ganz in diesem Sinne hat man die Ausstellungen zum einhundertjährigen Jubiläum angelegt, deren populärste, mit einem Sommerfest und zur Sommerzeit begonnen, ein Stück norddeutsch hanseatischer Lebensart ausbreitet und dabei gleichzeitig ein kulturhistorisches Phänomen zitiert, das um die Jahrhundertwende in England, Frankreich und Deutschland die (feine) Lebensart bestimmte. Historismus: das ist der Nicht-Stil einer Zeit, die sich in einer Mischung aus Macht und Schwäche die Stile der Vergangenheit verfügbar machte und sie ebenso unbefangen wie andachtsvoll benutzte zur dekorativen Überhöhung des eigenen Selbstbewußtseins. In der Hamburger Ausstellung steht man gleich zu Beginn einem Musterbeispiel dieser Gründerzeit-Mentalität gegenüber: dem einen halben Museumssaal füllenden Hamburger Ratssilber. Auf 29 Pokalen, Tafelaufsätzen, Weinkannen, Fruchtschalen, Kandelabern und anderen Nicht-Gebrauchsgegenständen manifestiert sich der von Handel und Wandel beflügelte Bürgerstolz. Motive und Formen der Antike, der Gotik und vor allem der Renaissance addieren sich zu Monumenten repräsentativer Tafelfreude. Die kulturbeflissene Kulturlosigkeit dieser Zeit ist gerade am Beispiel Hamburg so mustergültig wie deprimierend wie komisch sichtbar: für den ab 1881 begonnenen Bau des Freihafens mußten Renaissance- und Barockhäuser reihenweise abgerissen werden – aber 1897 wurde ein neues Rathaus (mit angeschlossener Börse) eingeweiht, das inzwischen als die gelungenste Renaissance-Imitiation seiner Zeit gilt. Die Zeit der großen imitatorischen Gesten war eine große Zeit des Handwerks, der Beginn des Kunsthandwerks. In so unterschiedlichen Gegenständen wie dem gewaltigen, auf der Londoner Weltausstellung von 1851 prämiierten Intarsientisch von Heinrich Plambek und den kompliziert verzierten Tucharbeiten aus dem Stickatelier von Dr. Marie Meyer wird das Ereignis Historismus in seiner ganzen Breite deutlich: neben der „freien“ etablierte sich die „angewandte“ Kunst, die Anerkennung einer nicht mehr heilen Welt war vollzogen. (Museum für Kunst und Gewerbe bis 14. August, Katalog 28 Mark)

Petra Kipphoff

München: „Käthe Kollwitz

Als Kind hatte sie geträumt, bei der Revolution auf den Barrikaden zu stehen; nachdem die Wirklichkeit im Jahre 1918 den Traum eingeholt hatte, wußte sie, daß sie mit einer Illusion gelebt hat. Sie war nicht Mitkämpferin, sondern Mitleidende, ihre Kunst weniger Anklage als Klage. Die Drohgebärde der „Weber“, der von Hauptmanns Drama angeregte Zyklus (1897), hat Käthe Kollwitz berühmt gemacht, das wilde Vorwärtsstürmen des Volkes beim „Aufruhr“ (1899) weicht der stillen Trauer der Arbeiter an der Bahre des ermordeten Liebknecht (1919). Die Frau eines Berliner Armenarztes fand den Proletarier „schön“, den Bourgeois hielt sie für eine uninteressante Figur – Mitleid, Mitempfinden war anfangs keineswegs das auslösende Moment für ihre Darstellungen des proletarischen Lebens. Später nimmt sie unparteiisch Partei für den^Menschen, zeigt ihn in seiner ganzen Hoffnungslosigkeit, aus der es keinen Ausweg gibt. Diese Künstlerin, die aufmerksam die Welt um sich beobachtet hat, die Serie der gezeichneten und lithographierten Selbstbildnisse ist Zeugnis des ständigen intensiven Schauens, war sicher keine Pessimistin, ihre Kunst jedoch enthielt keine konkrete Utopie. (Museum Villa Stuck bis zum 7. August, Katalog 12 Mark)

Helmut Schneider

Wichtige Ausstellungen: