Von Raimund Hoghe

Ich bin unsicher: Soll man ihnen die Hand geben? Wie begrüßt man jemanden, der keine Arme hat? Ich bin erleichtert, als sich die Begrüßung ohne allgemeines Händeschütteln vollzieht. Doch die allgemeines bleibt.

Der jüngste Sohn des Pastors wollte es von Ulrike genau wissen: „Hast du Sorgen?“ „Nein.“ Den Fünfjährigen überraschte die Antwort: „Aber du bist doch ein Sorgenkind.“ Die Geschichte liegt einige Monate zurück. Als Ulrike sie jetzt erzählt, lacht sie. Und lachend reagieren auch die anderen: Dirk und Uwe, Bärbel und Sabine, 15 bis 16 Jahre alt, Hauptschüler und Gymnasiasten – und contergangeschädigt wie Ulrike. Sie wurden ohne Arme geboren und sind zum Teil mehrfachbehindert.

Als sie geboren wurden, Anfang der sechziger Jahre, sorgten sie für Schlagzeilen. Als sie älter wurden, ließ das Interesse nach. Vor etwa fünf Jahren gelangten sie dann noch einmal ins Blickfeld der Öffentlichkeit. Da ging es ums Geld, um die finanziellen Ansprüche der mehr als 2500 betroffenen Kinder in der Bundesrepublik. Entschädigung und Renten wurden abhängig gemacht vom Schweregrad der Mißbildung.

Die Kinder wurden einmal mehr ärztlich untersucht – und taxiert. Was entgeht einem Menschen, der keine Beine hat? Welchen Wert haben die Arme eines Menschen? Welche Summe gleicht die Schädigung von Sinnesorganen aus? Die Auseinandersetzungen dauerten einige Jahre. Das materielle Ergebnis für die am härtesten betroffenen Opfer der Arzneimittelkatastrophe: 25000 Mark Abfindung, 520 Mark Rente (Höchstsatz).

„Guck mal, das arme Kind“ und „Warte, ich hab’ noch was Schönes für dich“ – Dirk hörte diese Sätze oft. Immer wieder erhielt er unaufgefordert „Spenden“, vom Kaufmann an der Ecke und von Fremden, nicht selten auf der Straße. „Auf dem Kurfürstendamm hat mir mal eine Frau fünf Mark gegeben.“

Viele Contergangeschädigte haben solche Erlebnisse. Wie reagieren sie auf die Spendenbereitschaft? „Ich sag’ immer: ‚Das ist doch nicht nötig.‘ Wenn sie aber unbedingt wollen, nehm’ ich es eben. Was soll man machen, wenn die Leute darauf beharren? Ich lass’ sie sich ihren Wunsch erfüllen.“ Und sie sagen, daß sie sich durch die Almosenaktionen nicht verletzt fühlen. „Als ich noch jünger war“, sagt Sabine, „hat es mir sehr viel ausgemacht.“