Nicht mehr ganz so willig wie am Jahresbeginn reagieren die Vertragspartner, wenn ihnen von den Banken und Sparkassen Vorschläge zur Wiederanlage für die am I. Juli aus ausgelaufenen Sparverträgen freigewordenen Gelder unterbreiten. Nun ist es diesmal allerdings auch nicht einfach, die Kundschaft für irgendeine Vermögensanlage zu begeistern. Der Nutzen, daraus, ist gering wie lange nicht. Am Rentenmarkt liegen die Renditen für Anleihen bei 6,5 Prozent. Der neue Bundesschatzbrief bringt nur noch eine Rendite von 5,98 Prozent bei sechsjähriger Laufzeit, bei siebenjähriger Laufzeit und Zinsansammlung sind es 6,24 Prozent.

Wenn man den Anleihezinsen die jährliche Geldentwertungsrate von rund 3,8 Prozent abzieht, bleiben bestenfalls 2,7 Prozent übrig. Einkommensteuerzahler müssen aber die volle Zinseinnahme versteuern, möglicherweise unterliegen die Wertpapieranlagen auch noch der Vermögensteuer. Dann kann jeder selbst ausrechnen, wieviel von der Verzinsung effektiv übigbleibt. Meist nichts.

Wenn dennoch seit einigen Tagen ein neuer Run auf die festverzinslichen Papiere eingesetzt hat, so steckt dahinter die Erwartung auf weitere Kursgewinne, also die Spekulation auf sinkende Zinsen. Die Rentenkäufer – es sind überwiegend „Profis“ – gehen von der Überlegung aus, daß der Bundesregierung wegen der unbefriedigenden Konjunkturentwicklung nichts ’anderes übrig bleibt, als weiter auf den Zins zu drücken und zu hoffen, daß das billige Geld Investitionsentscheidungen erleichtert. Im Augenblick hat der niedrige Zins noch einen erwünschten Nebeneffekt. Er hält internationales Kapital von der Bundesrepublik fern, das sich sonst in Erwartung einer neuen Mark-Aufwertung in Milliardenbeträgen bei uns versammeln würde.

Ein erwünschtes Sammelbecken für ausländische Gelder, die Anlagen in der profitversprechenden Mark suchen, sind die auf Mark lautenden Anleihen ausländischer Emittenten. Hier ist die Nachfrage so beachtlich, daß gute Schuldner bereits Zinssätze durchsetzen können, die unter sechs Prozent liegen. Bei den auf Mark lautenden Auslandsanleihen können Ausländer den Zins ungekürzt kassieren, während bei Inlandsanleihen eine 30prozentige Kuponsteuer zu entrichten ist. Diese Steuer ist von Ausländern zu umgehen, wenn sie Anteile deutscher Rentenfonds erwerben. Hier bekommen sie die Ausschüttungen voll ausgezahlt. Lange Zeit war umstritten, welchen Weg man auf dem Rentenmarkt einschlagen sollte. Entweder den Nominalzinssatz (und damit die Rendite senken) oder die Laufzeiten verlängern. Die Entscheidung ist wieder für die Herabsetzung des Nominalzinssatzes gefallen. In der kommenden Woche wird es die erste Inlandsanleihe mit einem Zinssatz von 6 1/4 Prozent geben, nämlich die der Hansestadt Hamburg. So wie die Dinge liegen, kann ein weiterer Schritt in Richtung auf den Sechsprozenter nicht länger ausgeschlossen werden.

An eine Zinswende ist vorerst nicht zu denken. Die Gefahr sinkender Zinssätze, wie man sie in den vergangenen Monaten gelegentlich am Horizont heraufziehen sah, existiert in Wirklichkeit für 1977 nicht. Was allerdings 1978 passieren wird, wenn die Kapitalwünsche der öffentlichen Hände wieder größer werden, ist noch nicht abzusehen. Die Angst vor einem Rückschlag der Rentenkurse hält vor allem die privaten Sparer von festverzinslichen Papieren fern.

Gespannt ist man darauf, ob es der Hansestadt Hamburg mit ihrer 200-Millionen-Mark-Anleihe gelingen wird, das Geld privater Sparer zu mobilisieren. Bei den Großanlegern sind Länder-Anleihen weniger beliebt als die des Bundes, der Bahn und der Post sowie der Lastenausgleichs-Bank. Das hängt mit der Kurspflege zusammen, die im Auftrag dieser Emittenten von der Bundesbank vorgenommen wird. Sie sorgt dafür, daß auch an „schwachen Börsentagen“ Millionenbeträge handelbar sind. Bei Länderanleihen, Industrieschuldverschreibungen und Pfandbriefen ist das längst nicht immer der Fall. „Bei ihnen sitzt man in der Falle“, behaupten die Experten.

Hamburg möchte seine Anleihe im Publikum unterbringen, weil die private Kundschaft auch in schwachen Rentenmarktzeiten an ihren Papieren festzuhalten pflegt. Als Nominalzins, sind 6,25 Prozent in Aussicht genommen bei einer Gesamtlaufzeit von 15 Jahren. Um dieser langen Laufzeit ihren Schrecken zu nehmen, sollen die Besitzer der neuen Hamburg-Anleihe ihre Papiere nach zehn Jahren zur Rückzahlung vorlegen können. Die Zeichner haben also ein Kündigungsrecht. Ist der Zins in zehn Jahren höher als 6,25 Prozent, können sie in lukrativere Anlagen umsteigen. Damit wird in den letzten Jahren vor der ersten Kündigungsmöglichkeit der Kurs der Anleihe stabilisiert. Nach zehn Jahren kann dann zu jedem jährlichen Zinstermin gekündigt werden. Praktisch bedeutet das, daß sich der Kurs später nach dem Zinsfuß für jährliche Geldanlagen richten wird.