Paris, im Juli

Die Benutzer der Pariser Metro staunten nicht schlecht über die abendliche Party, die da auf dem Bahnsteig der Station Porte Maillot abrollte. Mit Orchester, ganzen Weinfässern und viel Begeisterung feierten junge Leute den ersten Geburtstag der Zeitschrift Metro. Genaugenommen heißt sie The Paris Metro und ist nicht etwa ein Kundenblatt für englischsprachige U-Bahn-Fahrer, sondern das derzeit attraktivste Magazin über Pariser Leben vor und hinter den Kulissen.

In einem vergammelten Hinterhof des alten Marais-Viertels produziert eine bescheidene Mannschaft von fünf Journalisten alle vierzehn Tage das Blatt, dem eigentlich kaum jemand eine Lebensdauer von mehr als einem halben Dutzend Nummern gegeben hatte. An ihrer Spitze: der 35 Jahre alte Amerikaner Thomas Moore, einst Reporter beim Magazin Life, heute hemdsärmeliger Chefredakteur mit Zweigbüro im Café über der Straße. "Wir wollen kein billiges Blättchen für Touristen machen, sondern ein echtes Pariser Magazin", versichert der Blattmacher mit Vollbart, deutlichem Ansatz zur Glatze und trefflichem Französisch. Moore ist der Vater von Metro. In einer der letzten Nummern von Life erschien seine Reportage über einen Banküberfall in New York. Hollywood kaufte die Rechte und machte aus der Moore-Reportage den Film "Hundstage" mit Al Pacino. Moore kassierte ein stattliches Honorar, flog nach Paris und steckte die Dollars in sein Traumprojekt: die eigene Zeitschrift.

Auf eine Kleinanzeige im Herald Tribune meldeten sich mehr als hundert englischsprachige Interessenten, die ihre journalistischen Dienste anboten. Viele von ihnen gehören heute zum stattlichen Stab der freien Mitarbeiter, die "zu minimalen Honoraren und Spesen" (Moore) arbeiten. Ihre Arbeit kann sich sehen lassen.

Von anfangs 10 000 Exemplaren kletterte die Auflage innerhalb eines Jahres auf 32 000 Exemplare. Natürlich wäre Mister Moore ein schlechter Amerikaner, hätte er nicht in der Geburtstagsmitunner verkünden können: "Ja, Metro ist finanziell aus dem Schneider." Und das ohne jede Unterstützung durch eine große Presse-Gruppe.

Erstaunlicherweise ist fast jeder zweite Leser Franzose. Ihnen liegt vermutlich weniger daran, englische Schulkenntnisse aufzubessern, als zu erfahren, was in Paris los ist. Hier ist Metro in der Tat kaum zu schlagen. Der Kulturkalender bietet ein komplettes Programm zwischen Orgelkonzert und Nachtclub für jeden Tag. Film, Theater und Musik werden von Profis rezensiert, die nach ganz unfranzösischer Art handfeste Information dem philosophischen Geplauder vorziehen.

Das französisch-amerikanische Publikum sorgt für die kuriosesten Beiträge; Metro scheint bisweilen zwischen Paris und New York hin- und hergerissen. Da gibt in jeder Nummer ein großer Unbekannter namens Psmith die professionellsten Tips zur Kapitalanlage – und ein paar Seiten weiter erfährt der Neupariser, was er mit dem ominösen Bidet alles anfangen kann oder wie er am besten ein Au-Pair-Mädchen angelt.