Nach dem Scheitern des Sozialvertrags hofft London auf die Einsicht der Gewerkschaften

Großbritanniens Ärzte und Schiffsoffiziere haben nicht den Ehrgeiz, die ideologische Vorhut der Arbeiterklasse zu sein. Aber sie sind entschlossen, beim Kampf um Geld an der Spitze der Schlange zu stehen, die sich jetzt formiert und darauf wartet, daß sich Ende Juli die Tür der Lohnkontrollen zum Tummelplatz der Tariffreiheit öffnet. Die Leute im weißen Kittel und in schmucker Uniform wollen die ersten sein, die von der neuen Freiheit profitieren.

Es sind nicht die militantesten Gruppen, aber wenn sie zur Durchsetzung ihrer Forderungen industrial actions ergreifen – was normalerweise das Gegenteil dessen zur Folge hat, was das Wort verheißt, nämlich Inaktivität –, dann könnten der Gesundheitsdienst erheblich gestört und die Handelsmarine des Inselreichs lahmgelegt werden. Regierung und Reeder wären als Arbeitgeber soziale Konfrontationen verwickelt, und sie nachgäben, würde dem jüngsten Lohnkonzept ein Schlag versetzt. Dieses Konzept hat die Regierung Callaghan entwickelt, um Großbritannien in die Tarif freiheit zurückzuführen, ohne daß eine Lohnexplosion die finanzielle Stabilität des Landes erschüttert.

Geplant ist die geordnete Rückkehr zum normalen Lohnaushandeln, die nach Auffassung der Regierung Entscheidend ist für unser Ziel, die Inflation (von jetzt fast 18 Prozent) auf eine einstellige Ziffer zurückzuführen und sie dort zu halten“.

Großbritannien ist das Land, das häufig, und gründlich mit allen möglichen Formen der Einkommenspolitik experimentiert hat, Sie konnte immer nur für kurze Zeit durchgehalten werden. Ihre Starrheit verzerrte das Lohngefüge, erbitterte die Betroffenen, und schließlich brach der Konsensus zusammen, der nur in einem Polizeistaat überflüssig ist, um eine solche Politik zu betreiben. Anschließend brachen die Dämme. Die Flucht aus dem Pfund setzte ein.

Der Labour-Regierung ist es jetzt nicht anders ergangen. Vor drei Jahren weigerten sich die Briten, die Folgen der Ölpreisexplosion in Form eines Stillstands oder Rückgangs ihres Lebensstandards zu akzeptieren. Lohn- und Preisexzesse waren an der Tagesordnung, welche das Land mit einer Inflationsrate von fast 30 Prozent an den Rand des Abgrunds trieben. Der Wert des Pfundes verfiel im Innern wie nach außen. In der Zahlungsbilanz öffnete sich ein bedrohliches Loch.

Kurz vor dem Abgrund ließen sich Gewerkschaften auf eine Suspendierung der Tariffreiheit ein. Das Klima war günstig für eine Art nationales Lohnopfer in Form von ungemein starren Lohnkontrollen, die weder auf die Lage in den einzelnen Branchen und Betrieben noch auf das Verhältnis zwischen den einzelnen Gruppen von Beschäftigten Rücksicht nahmen. Die Folgen waren ein Rückgang des Lebensstandards um etwa sieben Prozent innerhalb von zwei Jahren, und eine Verzerrung der Lohnstruktur zu Lasten vor allem der Arbeiter mit höherer Qualifikation und Verantwortlichkeit.