Von Haus Schueler

Joachim von Bargen, bis vor ein paar Tagen noch Richter in der Zweiten Kammer des Verwaltungsgerichts Freiburg, schaut mit einem Ausdruck von Wehmut und Erleichterung zugleich auf den zentnerschweren Attenberg, der sich in einer Ecke seines Dienstzimmers türmt. Eben haben zwei Boten begonnen, ihn abzutragen. Die Konvolute werden gebündelt, verschnürt und reisefertig gemacht. „Die gehen morgen zum Hof“, sagt der junge Mann, „und ich fahre erst einmal in Urlaub.“

Mit dem „Hof“ meint von Bargen den Verwaltungsgerichtshof in Mannheim, die für alle Verwaltungsgerichts-Entscheidungen aus Baden-Württemberg zuständige Berufungsinstanz. Die Akten gehen nach Mannheim, weil Berufung eingelegt ist gegen das erste von einem deutschen Gericht erlassene Urteil, das den Bau eines Atomkraftwerkes verbietet – des Kernkraftwerks Süd auf der Gemarkung Wyhl am Kaiserstuhl.

Die Freiburger Entscheidung erging nur wenige Tage vor dem Urteil des Verwaltungsgerichts Würzburg, das die behördliche Baugenehmigung für einen gleichartigen, in Grafenrheinfeld bei Schweinfurt geplanten Druckwasserreaktor bestätigte. Und sie erging wenig später als der Beschluß der Zehnten Kammer des Schleswig-Holsteinischen Verwaltungsgerichts mit dem vorläufigen Baustopp für Brokdorf. Inzwischen hat auch das Verwaltungsgericht Hannover für das – ebenfalls typengleiche – Kraftwerk Grohnde einen einstweiligen Baustopp verfügt; er wird allerdings erst in etwa zwei Monaten wirksam.

Die Mehrzahl der Gerichte scheint also zumindest einem vorläufigen Moratorium beim Kernkraftwerkbau zuzuneigen. Freilich gehen die Begründungen dafür weit auseinander: Die Frei-• Bürger Kammer bemängelt den beim Wyhl-Projekt und auch bei allen übrigen Bauvorhaben fehlenden Berstschutz gegen eine mögliche Explosion des Reaktor-Druckbehälters. Die Schleswiger Richter wollen den Bau in Brokdorf erst zulassen, wenn Vorsorge für die Beseitigung des beim Kraftwerkbetrieb anfallenden, hochradioaktiven Atommülls getroffen ist. Die Hannoveraner haben ihren Beschluß mit dem etwas sibyllinischen Hinweis verkündet, „daß für die Bejahung der Notwendigkeit des vorläufigen Baustopps nicht die sonst grundsätzlich gegen die Errichtung eines Kernkraftwerks vorgebrachten Gesichtspunkte... entscheidend sind“.

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