Rom, im Juli

Noch einmal zu übersommern und wahrscheinlich auch weit ins Jahr 1978 zu überwintern – wer hätte das vor einem Jahr, als Italien nach den Wahlen unregierbarer denn je erschien, einer christdemokratischen Alleinregierung zu prophezeien gewagt? Seit Ende letzter Woche spricht alles dafür, daß Giulio Andreotti dieses Kunststück gelingen wird. Nach einer viermonatigen, nicht eingestandenen Regierungskrise, fühlt er sich nach eigenen Worten „heute stärker, gekräftigt vom Konsens der Parteien“, ohne daß er zurücktreten, selber mit irgend jemandem verhandeln oder gar den Staatspräsidenten bemühen mußte. Sechs Parteien, voran das christlich-marxistische Rivalenduett, nahmen ihm die Mühe ab. Sie einigten sich auf jenes Aktionsprogramm, das der Wirtschaft des Landes in den nächsten Monaten neue Atemluft zuführen, den Staat vor der Pleite und die öffentliche Sicherheit vor der Anarchie bewahren soll.

„Wir streichen heute keine unserer Flaggen“, beteuerte der christdemokratische Parteichef Zaccagnini in der Parlamentsdebatte und wünscht zugleich mit distanzierter Freundlichkeit den Kommunisten „einen positiven Ausgang ihrer Plackerei um einen Eurokommunismus“.

Die Note „kaum genügend“ schrieb auch der kommunistische Parteichef Berlinguer dem ungeliebten Partner ins Klassen(kampf)buch: „Etwas ändert sich gegenüber früher bei der Democrazia Cristiana, wenn auch nur teilweise ... Was wir die Wende nennen, ist es noch nicht... Wir können sagen, daß wir keine Zugeständnisse gemacht haben, die mit unseren Grundsatzpositionen unvereinbar wären.“

Gemeinsam entzog man sich dem von vielen Anhängern gewitterten Geruch fauler Kompromisse in die Höhenluft klassischer Latinität. So sprach Berlinguer von „concordia discors“ (zwieträchtiger Eintracht), und Andreotti, der das Verhältnis zu den Kommunisten sonst mit keinem Wort antippte, nahm seine Formel auf: „Ich würde in diesem Fall Berlinguer imitieren und sagen: ‚coactus tarnen voluit‘“ (gezwungen, doch gewollt). Bei so viel bühnenreifer Dialektik störte sich keiner der Hauptdarsteller daran, daß schließlich in den Beifallschor sogar die von den Neofaschisten (MSI) abgesplitterten „Nationaldemokraten“ einstimmten.

Als kurz vor dem Morgengrauen des 16. Juli die geheim abgegebenen Stimmen in der Abgeordnetenkammer ausgezählt waren, ergab sich immerhin die stattlichste Mehrheit der Nachkriegsgeschichte Italiens: 442 gegen 87 (bei 16 Enthaltungen). Beim genaueren Nachrechnen zeigte sich freilich, daß 85 Abgeordnete der Abstimmung ferngeblieben waren – überwiegend, aber nicht nur Christdemokraten. Doch auch unter den 87 Gegenstimmen befanden sich mindestens 67 aus den Parteien, die sich offiziell zu dem Programmkompromiß bekannt hatten, also Christdemokraten, Kommunisten, Sozialisten, Sozialdemokraten, Republikaner und Liberale.

Wird diese quer durch die sechs Parteien reichende Opposition in den nächsten Monaten dafür sorgen, daß der Kompromiß dahinfault? Oder sorgt sie eben für jene demokratische „Normalität“, zu der Andreotti steht? Es werde keinen „politischen Waffenstillstand“ geben, hatte auch der kommunistische Fraktionschef Natta schon vor der Abstimmung angekündigt. Gerade jetzt gelte es, auch außerhalb des Parlaments, den Kampf um die Realisierung des Programms zu eröffnen. Sozialistenführer Craxi sieht bereits „den Augenblick einer Konfliktlage entstehen“. Und die christdemokratische Parteiführung hat am Abend der Abstimmung den deutschen CDU-Generalsekretär Geißler aus Rom mit dem Gefühl abreisen lassen, daß nichts Unwiderrufliches geschehen sei. Die Wahrheit ist, daß niemand dem labilen Frieden traut, den das Land so bitter nötig hat. Hansjakob Stehle