Rudern in Deutschland

Der Erfolgsschwund des Deutschen Ruderverbandes bei den internationalen Regatten der letzten Jahre ist offenkundig. Ausnahmeleistungen konnten bis heute nur noch von Skullertalent Kolbe erwartet werden.“ – So pauschal drückt Dirk Schreyer, lange Zeit einer der Spitzenathleten des DRV und für allzu kurze Zeit auch Mitglied des Verbandsausschusses im Ressort Presse, seine Unzufriedenheit mit der leistungssportlichen Situation aus. Zugunsten seines rabenschwarzen Bildes „miserabler Mittelmäßigkeit“ vergißt er unsere erfolgreichen Vierer und Zweier; sogar Ausnahmeruderinnen wie Thea Einöder und Edith Eckbauer bleiben unbeachtet, damit der Eindruck erhalten bleibt, hier befinde sich ein schlecht geführter Verband auf der Verliererstraße.

Schreyer hat dafür auch gleich eine Erklärung: „Ahnungslose wirtschaften die materiellen (!) und immateriellen Werte herunter“, Ansprüche werden bewußt reduziert und eine heile Welt des Ruderleistungssports präsentiert. Auf diese Weise kommt es zu „Zielkonflikten zwischen Trainer und Athlet“, der Rudersport „fährt meistens hinterher“.

Schade, daß unausgesprochen bleibt, welchen Männern er die Fähigkeit zur Führung abspricht. Dem Ruhm von Walter Wülfing (damals Präsident) und Karl Adam (Bundestrainer) fehlt das negative Gegensatzpaar, das aber ohne weiteres mit Claus Heß (Vorsitzender seit 1966) und Heinz Bande (Sportdirektor) angenommen werden kann. Deshalb auch diese Replik, die im Interesse einer sauberen und widerspruchsfreien Berichterstattung – über die Lage im deutschen Rudersport dringend erforderlich ist.

Niemand wird bestreiten wollen, daß die DDR-Ruderer seit ihrem ersten selbständigen Auftreten 1966 die Spitzenstellung in der Welt einnehmen und über ein ausreichendes Kräftepotential verfügen, um auch noch weitere Jahre vorn zu bleiben. Ihr konsequent auf Staatssport aufgebautes System hat sich besonders im trainingsintensiven Rudern als durchaus leistungsfähiger erwiesen. Dem Deutschen Ruderverband – und mit ihm allen anderen Sportverbänden unseres Landes – ist es bisher nicht gelungen, der optimalen DDR-Kombination „Kinder- und Jugendsportschule/Sportclub“, der wissenschaftlichen Trainerausbildung und dem auf Spitzenleistung fixierten Wettkampfsystem in der DDR etwas Gleichwertiges entgegenzusetzen. Auch die gesellschaftliche Bewertung des Leistungssportlers, des Trainers und des Schulfaches „Sport“ bleibt zur Zeit unerreichbar.

Im Bereich der Kompromisse, die es bei uns zu schließen gilt, schneidet der DRV nicht schlecht ab. Seine Ruderer liegen seit Jahren an respektabler zweiter und dritter Stelle in der Nationenwertung, er gehört mit vier Medaillen zu den erfolgreichsten Verbänden in Montreal. Außerdem verzeichnet er eine gute Arbeit seiner Vereine und Leistungsstützpunkte, kann mit gutem Gewissen auf den Nachwuchs bauen, der nach den Olympischen Spielen feste Plätze im Nationalteam erworben hat, und investiert einen Großteil seiner koordinierenden Kraft in den Hochleistungssport.

Dabei neigt er zu kritischer Selbsteinschätzung und weigert sich, die offensichtlichen Nachteile zu verharmlosen, die ein trainingsintensiver Sport bei uns auszugleichen hat. Seine Analyse des Weltniveaus bezieht den DDR-Sport und seine Ressourcen als selbstverständliche „Bänke“ ins Kalkül ein. Mag es Dirk Schreyer auch suspekt sein: für uns ist ein klarer Hinweis auf die Situation im Weltrudersport nicht „destruktiv“, er führt nicht zur „Zementierung des Status quo“, und auch die Aktiven, denen ihre Lage bei jeder, Regatta klar wird, beschleicht nicht Resignation, wenn sie an die Zukunft denken.