Von Roland Gerber

Männer fehlen immer. An den Bühnen aller westlichen Länder bleiben Spielzeit für Spielzeit in den Ballett-Truppen zahlreiche männliche Positionen unbesetzt. Bei den Tänzerinnen dagegen gibt es ein permanent großes Überangebot. Und das, obwohl zwei Drittel des Ballett-„Personals“ an den deutschen Musiktheatern (1136 waren es in der Spielzeit 1975/76) Frauen sind. Anfang Juni zum Beispiel verzeichnete die Zentrale Bühnen-, Fernseh- und Filmvermittlung (ZBF) der Bundesanstalt für Arbeit in Frankfurt insgesamt 35 Vakanzen. Davon waren 26 für Herren und nur neun für Damen. Die gleichzeitig registrierten 87 Engagementgesuche kamen zu neunzig Prozent von Tänzerinnen.

Eine Erklärung zu finden für diese Zurückhaltung der Männer ist nicht ganz einfach: Wenn man dem allgemein verbreiteten Vorurteil folgt, sind alle Tänzer schwul. Und wer will schon einen solchen Beruf haben. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Denn fünfzig Prozent aller Tänzer stellen normale männliche Regungen unter Beweis. Sie haben ihre Freundin oder sind verheiratet und haben Kinder. Heinz Clauss, Leiter der renommierten Stuttgarter Ballett-Schule (Cranko-Schule) hat eine handfestere Erklärung parat: Jungen sind gehemmt, wenn sie sich in Gegenwart so vieler Mädchen bewegen sollen; und sie werden von ihren Schul- und Spielkameraden gehänselt, wenn sie „Ballett“ lernen.

Für Professor Peter Ahrenkiel, Leiter der Ballett-Abteilung der Frankfurter Musik-Hochschule, spielt auch das Versorgungsdenken der Eltern eine Rolle: Der Mann muß eine Familie versorgen können. In dieses Schema paßt ein Beruf nicht hinein, den man mit vierzig Jahren aufgeben muß. Und so drängt denn auch vor allem das weibliche Geschlecht in diesen Beruf: Die Nachfrage nach Ausbildungsplätzen beweist es. An der besonders beliebten Cranko-Schule etwa gehen Jahr für Jahr 250 bis 300 Bewerbungen für alle Klassen ein, 90 bis 95 Prozent von Mädchen.

Aber auch an anderen Schulen ist die Nachfrage nach Ausbildungsplätzen rege, besonders, wenn diese Schulen zu den renommierten Instituten gehören. Und das sind neun Hochschulen mit Ballett-Abteilung (Berlin, Essen, Frankfurt, Hannover, Heidelberg-Mannheim, Köln, München, Stuttgart mit den zwei Cranko-„Akademie“-Klassen) und ein rundes Dutzend privater Schulen. Daneben gibt es noch eine Reihe weiterer privater Schulen – Branchenkenner schätzen sie auf 40 bis 50 –, wo die Qualität der Ausbildung „häufig zu Wünschen übrig läßt“, wie die ZBF es formuliert. Die Branche selbst findet unzimperlich einige davon ganz unmöglich.

Wie nun der Ballett-Lehrplan eines renommierten deutschen Musikinstituts auszusehen hat, beschreibt das Informationsblatt der ZBF „zur Situation der Bühnentänzer in der Bundesrepublik“: Folgende Fächer sollen enthalten sein: Klassischer Tanz, Folklore, Freier Tanz, Jazz-Tanz, Historischer Tanz, Musiktheorie, Tanzgeschichte und Ballett-Ästhetik, Kostümkunde und Kunstbetrachtung und schließlich französischer Sprachunterricht. Denn Französisch ist die internationale Sprache des Balletts.

Welche körperlichen Voraussetzungen vorhanden sein müssen, damit ein Kind sich für den späteren Tänzer-Beruf eignet, das beschreibt Ballett-Professor Peter Ahrenkiel so: Die Beine müssen von der Hüfte an nach auswärts gedreht werden können, sie müssen: sich normal beugen und strecken lassen. Der Fuß muß eine lange Achilles-Sehne haben, und ein Spann muß da sein, damit der Fuß sich strecken kann. Mit der Ausbildung sollten die Kinder möglichst früh beginnen, am besten im Alter von sechs bis sieben Jahren. Bei Jungen werden jedoch nicht selten große Ausnahmen gemacht: Sie können schon mal zwölf Jahre alt sein, oder auch fünfzehn und sechzehn. Der Hamburger Tanz-Star Max Midinet fing sogar erst an, als er schon ein Jüngling von siebzehn Jahren war.