Von Eduard Neumaier

Wien, im Juli

Ob der Eurokommunismus wirklich will, was er verkündet, steht dahin – einen Erfolg, den er angeblich nicht wollte, hat er bereits erzielt: Unter den osteuropäischen Kommunisten wirkt er als Spaltpilz. Das hat paradoxerweise gerade jener massive Angriff Moskaus zutage gefördert, der den Prozeß der ideologischen Abweichung stoppen sollte, nämlich der langatmige Grundsatzartikel in der Neuen Zeit gegen den spanischen KP-Chef Carrillo.

Allem Anschein nach hatte der Kreml nicht allein die Eurokommunisten in der westlichen Welt im Visier, sondern auch die Sympathisanten im Ostblock, der in dieser ideologischen Frage kaum als Block in Erscheinung tritt. Intern versucht die Sowjetunion seit der Gipfelkonferenz aller europäischen Kommunisten in Ostberlin vor einem Jahr, die verbalen Zugeständnisse der Schlußdeklaration wieder zurückzunehmen, sie wenigstens für ihren unmittelbaren Machtbereich als ungültig darzustellen. Dies ist ihr nicht gelungen. Um sich scharen konnten die Sowjets nur die drei Parteien, deren Vasallentreue sowieso zweifelsfrei war: die bulgarischen, die tschechoslowakischen und die ostdeutschen Kommunisten.

Die letzten Anstrengungen, auch die anderen Parteien auf den orthodoxen Pfad zurückzuholen und zur Identifikation mit dem sowjetkommunistischen Standpunkt zu bringen, wurden auf dem Frühjahrstreffen der Ideologiesekretäre in Sofia und in den sogenannten Redaktionskonferenzen der Prager Zeitschrift Probleme des Friedens und des Sozialismus gemacht, an denen über 70 Parteien teilgenommen haben.

Konnte sich die Sowjetunion bisher leidlich darauf verlassen, daß der Dissens innerhalb des eigenen Lagers nur in Nebenbemerkungen öffentlich wurde, so hat der ideologische Rundumschlag der Neuen Zeit die Differenzen erst recht in die Öffentlichkeit getrieben. Es meldeten sich nicht irgendwelche ideologischen Wasserträger zu Wort, sondern Parteichefs höchstselber machten Front.

Der ungarische Parteichef Janos Kádár verpackte seine Stellungnahme zwar in für Moskau schmeichelhafte Anmerkungen. Von „feindlichen Faktoren“, vom „modischen Begriff Eurokommunismus“ sprach er, doch das Recht jeder Partei, den passenden Weg zu suchen, behauptete er ohne Abstriche. Der rumänische Parteichef Ceausescu hat öffentlich, vor Industriearbeitern und in der Washington Post, die Eurokommunisten verteidigt und noch Anfang dieser Woche die Kritik an Carrillo als ungerecht bezeichnet.