Die Denker der Wirtschaft haben sich der Probleme der Bildung und Ausbildung der Jugendlichen angenommen. Ein „Bildungs-, Bericht“ des Instituts der deutschen Wirtschaft propagiert marktwirtschaftliche Heilkräuter zur Linderung der Not, vor allem für die Hochschulen. Die Zauberformel, mit der die drei größten Schwierigkeiten – der Hochschulen-Massenandrang, schlechte Organisation, steigende Kosten – gemeistert werden sollen, heißt: Selbstbeteiligung der Studenten an den Studienkosten.

Die Bildungsplaner der Wirtschaft denken sich das so:

  • Jeder Student soll das Recht haben, von Banken und Kreditinstituten insgesamt für 10 Semester 25 000 DM zu leihen. Pro Semester erhält er 2500 Mark ausgezahlt.
  • Davon muß er 1000 DM als Studiengebühr in die Hochschule zahlen. 1500 DM bleiben ihm zum Leben. Da das nicht reicht, muß entweder Vaters Scheck oder die Ausbildungsförderung (Bafög) des Staates dazukommen.
  • Die Rückzahlung setzt spätestens zwei Jahre nach Beendigung des Studiums ein und kann bis zu 35 Jahre dauern.

„Auf so lange Laufzeiten läßt sich keine Bank ein“, kommentierte der Sprecher der gewerkschaftseigenen Bank für Gemeinwirtschaft, Gerd Mueggenburg, den Vorschlag des Wirtschaftsinstituts. In der Tat, für die Banken können die Studentenkredite kein Geschäft, eher schon ein Zusatzgeschäft werden. Denn die Autoren des Berichts fordern, die Verzinsung sollte „den Diskontsatz (zur Zeit 3,5 %) nicht überschreiten“. Begründung: „Die Geldinstitute sollten im Hinblick auf spätere Kunden auf einen Teil der Zinserlöse verzichten.“ Dem Uneigennutz der Banker scheinen die Verfasser doch nicht zu trauen. Sie setzen in ihr Rechenbeispiel eine konstante monatliche Verzinsung von sechs Prozent ein.

Bei diesem Zinssatz und einer Laufzeit des Darlehens von 31 Jahren verschuldet sich nach den Berechnungen des Instituts ein Student mit 54 252 DM. Ein solcher Schuldenberg wird Kinder aus finanzschwachen Familien vom Studium abschrecken. Dabei dürfte die „moralische“ Seite, sich zu verschulden, keine sehr große Rolle spielen. Schließlich werden auch Autos und Waschmaschinen auf Kredit gekauft. Aber die sind in drei Jahren abbezahlt, und fürs Geld gibt es einen handfesten Gegenwert. Beim Studium auf Pump ist es vielmehr die Angst, einen Wechsel auf eine ungewisse Zukunft ausstellen zu müssen.

Denn ein abgeschlossenes Studium ist in den kommenden Jahren keine Garantie mehr für hghe und höchste Einkommen. Akademische und nichtakademische Verdienste werden sich auf einigen Gebieten annähern. In dieser Situation Jugendlichen aus wirtschaftlich schwächeren Schichten zuzumuten, sich für ihr Studium hoch zu verschulden, hat die Wirkung eines sozialen Numerus clausus. Kinder aus gut betuchtem Hause tangiert der Vorstoß des Wirtschaftsinstituts ohnehin nicht. Sie können jederzeit auf Vaters Bankkonto zurückgreifen. Von einem Studienkredit könnten sie höchstens noch profitieren, wenn sie die 25 000 DM zweckentfremdet anderweitig gewinnbringend anlegen.

Die soziale Stoßrichtung wird noch deutlicher, wenn es um den eigentlichen Zweck des Studentendarlehens geht: die Wiedereinführung von Studiengebühren. Dazu heißt es in dem Bericht des Wirtschaftsinstituts: „Die Studiengebühren wurden vor allem unter dem Gesichtspunkt abgeschafft, möglichst keine finanziellen Barrieren aufzubauen, die Kinder aus sozial schwächeren Schichten am Studium hindern könnten.“ Das ist richtig! Doch für die Bildungs-Ideologen der Wirtschaft ist das eher des Übels Wurzel. Denn: „Die Hochschulausbildung wurde zum Nulltarif angeboten.“ Ein Umkehrschluß klärt, welches Ziel das Wirtschaftsinstitut anvisiert: 1000 DM Studiengebühren pro Semester heben den „Nulltarif“ auf, und so werden die finanziellen Hindernisse, die mit der Abschaffung der Studiengebühren abgebaut worden waren, erneut errichtet. Die soziale Barriere erschwert für Jugendliche aus einkommensschwachen Schichten wieder den Zugang zur Hochschule. Alles andere folgt dann fast automatisch: Weniger Studienbewerber, weniger Numerus-clausus-Fächer; weniger ausgebildete Akademiker, bessere Chancen für sie auf dem Arbeitsmarkt, gekoppelt mit höherem Einkommen. Das wäre der Erfolg einer Verknappung des Produkts Hochschulausbildung. Unverblümt bedauert denn auch einer der Wirtschaftsautoren, daß „Bildung in den letzten Jahren nicht mehr als ‚knappes Gut‘ eingeschätzt wurde“.