Von Hansjakob Stehle

Es ist wie im Heimatfilm: Windgetriebene Wolken werfen ihre Schatten auf die Berge um Meran. In die biederen Klänge des Kurkonzertes schleicht sich kaum ein Mißton. Niemand von den – meist deutschen – Urlaubern, die für 100 Lire = 26 Pfennig Eintrittsgeld auf frisch gestrichenen Gartenstühlen lauschen, interessiert sich für das, was an diesem 25. Juni 1977 im Kurhaussaal unter Edelweißfahnen und rotem Tiroler Adler über die Bühne geht. Selbst die Südtiroler Schützen, die auf ihren grün und rot leuchtenden Trachtenanzügen die Orden Großdeutschlands tragen und zusammen mit einem italienischen Polizisten den Saaleingang hüten, haben jetzt anderes im Sinn; sie stehen zusammen mit Kongreßdelegierten an der Espresso-Bar und lösen ihre Wurstbrotgutscheine ein.

Die meisten der über tausend Delegierten dieser „26. Landesversammlung der Südtiroler Volkspartei (SVP)“ sitzen jedoch im Saal; Bauern, Handwerker und Kaufleute, einige Arbeiter, Hausfrauen, Studenten, in den ersten Reihen die Honoratioren, Lehrer, Advokaten, Fabrikanten – alle im Sonntagsanzug und auf den Gesichtern die Spannung des Augenblicks. Denn heute soll Silvius Magnago, seit zwanzig Jahren „Obmann“ der SVP und Väterlich strenger Steuermann der Südtiroler, dieser Volkspartei eine „neue“ Zukunftsperspektive eröffnen. Der dreißig Jahre lang geführte „Kampf gegen Rom“ um die Autonomie, den man jetzt mangels Gegner allmählich beenden muß, soll durch einen „Kampf gegen Moskau – in Rom“ ersetzt werden.

Wird sich aber Magnago, dieser kluge Politiker, der so viel italienische Geschmeidigkeit in seinem harten Tiroler Kopf gespeichert hat, wirklich auf jenen Konfrontationskurs begeben, auf den ihn viele seiner eifernden Freunde drängen wollen? Wird er als Protest gegen die „unheilige Allianz“ von Christdemokraten und Kommunisten in Rom der Regierung Andreotti die Unterstützung der drei Kammerabgeordneten und zwei Senatoren der SVP im italienischen Parlament entziehen? Oder gar das Selbstbestimmungsrecht Südtirols einklagen, ja, die Lostrennung von Italien fordern? Sein Lagebericht klingt für manche Ohren schrecklich und läßt doch die Konsequenz noch offen:

„Nach unserer Berechnung sind bei den letzten Wahlen den italienischen Linksparteien, in erster Linie der Kommunistischen Partei Italiens, mindestens fünftausend Stimmen von Südtirolern zugeflossen ... Der geringe Anteil kommunistischer Stimmen in Südtirol (10,1 Prozent) trotz ihrer Stimmengewinne (4,4 Prozent Zuwachs) hat die KPI bewogen, zum Generalangriff auf Südtirol überzugehen...“

Bereit zur Trennung

Trotz des bedrohlichen Wortes „Generalangriff“ spürt man, daß Magnago dem Thema nicht die erwartete Dramatik abgewinnen kann (oder will). Er schildert, wie die Christdemokraten in der Regionshauptstadt Trient „ähnlich wie in Rom“ mit den Kommunisten ein Programm vereinbart haben, obwohl sie ohne diese eine Mehrheit im Stadtrat gehabt hätten. „Ich möchte zu diesen Vorfällen keinen Kommentar hinzufügen“, sagt Magnago, „jeder kann sich selbst seinen Reim darauf machen.“ In einigen Resolutionen, die dem Parteitag vorliegen, ist dieser „Reim“ scharf formuliert: Wenn solches geschieht, muß die Partei sofort den Trennungsstrich ziehen. Magnago aber ist auch jetzt nur bereit zu wiederholen, was er schon vor einem Jahr – als die KPI noch vom Vorzimmer der Macht entfernt war – angekündigt hatte: „Die SVP wird niemals einer Regierung, in der totalitäre Parteien vertreten sind, das Vertrauen aussprechen.“