Der Künstler-Ausverkauf der DDR geht weiter – jetzt hat er auch die Ernste Musik erfaßt. Am vergangenen Sonnabend traf in Köln, mit Frau, zwei Kindern und achtzigjähriger Schwiegermutter, der Komponist Tilo Medek ein – völlig legal, mit ordentlichen Ausreisepapieren, mit allem Hab und Gut, sogar mit Hilfe der DDR-Zollbehörden, die eigenhändig, das gab es noch nie, die 7000 Noten- und Buchbände samt Flügel und Cembalo in 125 Kisten verpackten und das alles auf seinen sozialistischen Gang nach Westen verfrachteten. Damit nur ja der Termin gehalten werden konnte.

Tilo Medek wurde 1940 in Jena geboren, ahmte schon als Elfjähriger seinen komponierenden Vater nach, begann nach dem Abitur in Berlin Komposition und Musikwissenschaft zu studieren, schrieb Musik für die unterschiedlichsten Besetzungen, in Dur-Moll wie nach Zwölftonschema, machte Versuche mit der Elektronik wie mit einer neuen Volksmusik, hörte 1957 in Darmstadt Stockhausens „Gesang der Jünglinge“ und war von dessen Kinderstimmen-Deformation „abgestoßen“, gewann 1967 mit einer „Todesfuge“ nach Celan einen beachtlichen Preis bei der holländischen Gaudeamus-Stiftung, war 1976 in Ostberlin mit einem Konzert für Piccoloflöte und Orchester ebenso umstritten wie in Westberlin mit einem „Großen Marsch“.

Tilo Medek ist kein „Avantgardist“, will Musik nicht nur für tausend elitäre Hörer schreiben. 1976, in Darmstadt bei den „Ferienkursen“, bekannte er in einem Analyse-Vortrag: „Ich gehöre einer Generation an, die auch im nächsten Jahrhundert etwas zu sagen haben möchte... Wir kommen an der Terz als Tür und an der Oktave als Fenster nicht vorbei.“ Aber auch dies sagte er in Darmstadt: „Eine sozialistische Kunst ist nicht programmierbar^ irgendwann beginnt sie zu entstehen und wird doch erst viel später als eine solche begriffen werden. Sozialistische Kunst wird ungeduldig erwartet...“ Offenbar war Tilo Medek selber ein wenig zu „ungeduldig“, mochte man ihn das nicht noch lauter äußern lassen, war man froh, daß er gehen wollte.

Angefangen hatte es, das kann man nun schon „natürlich“ nennen, mit Medeks Unterschrift unter den legendären Protestbrief nach Wolf Biermanns Ausbürgerung – der einzige Komponist. Die Folge: Seit letzten November bekam Medek, bis dahin in der vorderen Reihe der DDR-Komponisten und bei repräsentativen Gelegenheiten vorzeigenswert, keine einzige Aufführung mehr, und eine im Dezember für den Berliner Rundfunk noch gemachte Aufnahme seines Konzertes für Marimbaphon und Orchester wurde nicht mehr gesendet.

Dann ging plötzlich das Gerücht um, Medek wolle sich in den Westen abseilen – der Verdacht, der Staatssicherheitsdienst selber habe das Gerücht in Umlauf gesetzt, ist nicht aus der Luft gegriffen. In einem Brief an Erich Honecker gestand Medek seinem Staatsratsvorsitzenden, darunter zu leiden, daß in der DDR die eigene geschichtliche Tradition verfälscht werde und ernicht die Möglichkeit habe, den ganzen deutschen Sprachraum mit allen seinen künstlerischen Äußerungen erleben zu können, daß er vor allem Angst habe, sein kritisches Bewußtsein ließe ihn irgendwann das Delikt der „öffentlichen Herabwürdigung gesellschaftlicher Organisationen, Einrichtungen und deren Maßnahmen“ (§ 220 des neuen Strafgesetzbuches) begehen – und bat um die Ausreise-Erlaubnis. Drei Wochen später zitierte man ihn ins Ministerium, wenige Tage darauf war das Papier da mit einem kurzfristigen Ultimatum. Ob er je wieder hineinkönne? Das hinge, meint er, wohl von seinem Verhalten ab – aber im Augenblick verspüre er wenig Interesse.

Nun sitzt er im Westen, weiß nicht so recht, wohin, wohnt die ersten Tage bei Musikern, die früher einmal ein Stück von ihm aufführten, seine Möbel stehen auf einem Lager. Aber er glaubt daran, daß die Menschen seine Musik mögen und brauchen werden, möchte am liebsten frei bleiben, hofft aber doch auf eine Position an einer Hochschule „oder so“. Seine Kollegen Liedermacher, Sänger, Schriftsteller und Schauspieler, die in den Westen kamen, konnten auf die Beine fallen, werden benötigt. Aber ein Komponist, einer gar, der Konzerte und Kantaten, Orgelwerke und Orchesterstücke schreibt? Selbst die Terzen-Tür und das Oktaven-Fenster klemmen ganz schön bei uns, und sozialistische Kunst ist fast noch „elitärer“ als postserielle Experimente. „Wir müssen anfangen, Netze zu ziehen, nicht Netze zu flicken“, meinte er im vergangenen Jahr, noch zu Gast in der Bundesrepublik. Gesucht werden diejenigen, die jetzt die Fangrechte an ihn vergeben. Heinz Josef Herbort