Von Theo Sommer

Die Stockholmer Opec-Konferenz ist glimpflich abgelaufen: Dieses Jahr gibt es keine weitere Erhöhung des Erdölpreises, mit einigem Glück vielleicht auch im nächsten Jahr nicht. Und Ölknappheit? Im Augenblick herrscht das genaue Gegenteil: Überfluß. Allenthalben in der Welt quellen die Tanks über; die Marktlage verbietet den großen Mineralölgesellschaften eine Anhebung des Benzinpreises; der Chef der deutschen Shell, Johannes C. Welbergen, vermeldet melancholisch, derzeit sei das Ölgeschäft in Westdeutschland „keine Basis für Reichtum“.

Ist also die Ölkrise in beiderlei Gestalt vorüber – die Preiskrise wie die Versorgungskrise? Waren die Katastrophenwarnungen, die seit dem Herbst 1973 auf uns herniederprasselten, als wir an den Wochenenden die Autos in den Garagen stehenlassen mußten, nichts anderes als dummes Gerede?

Mitnichten. Die Ruhe an der Ölfront trügt. Sie wird, dem gegenwärtigen Anschein zum Trotz, nicht lange halten. Der Ölpreis wird auf jeden Fall wieder in Bewegung geraten – aufwärts, versteht sich; und je kräftiger die Weltwirtschaft sich erholt, desto früher. Zudem rückt die Verfügbarkeit ausreichender Mengen immer mehr in die Zone des Zweifels. Beides schließlich, erschwingliche Preise und hinlängliche Liefermengen, ist abhängig von politischen Faktoren, die nicht von vornherein Kontinuität und Stabilität verbürgen, sondern eher auf Unruhe und Beunruhigung schließen lassen.

Zunächst einmal bleibt der Preis eine prekäre Größe. Die Opec-Länder geben sich zur Zeit vernünftig: Von einer Erhöhung wollen sie fürs erste absehen; auch von einer Indexierung – der Anbindung des Erdölpreises an die Kosten industrieller Erzeugnisse aus den OECD-Ländern – reden sie vorläufig nicht mehr. Doch wer kann wissen, wann sie aufs neue meinen, den Industrienationen höhere Preise diktieren zu können? Falls die Inflation nicht eingedämmt werden kann, oder falls der erhoffte Boom sich rascher einstellt als erwartet, werden sie uns abermals zur Kasse bitten.

Unsicher bleibt vor allen Dingen die Versorgung der Industrieländer mit ausreichenden Mengen von Erdöl, gleichgültig zu welchem Preis. Dazu hat es in jüngster Zeit vielerlei Studien gegeben – von Exxon, Shell und BP über die Rockefeller-Stiftung und das MIT-Team Carroll Wilsons bis hin zu den Analysen der CIA und den Untersuchungen der OECD. Das Erstaunliche ist, daß sie alle den Weltölbedarf für 1985 ungefähr gleich hoch einschätzen, auf rund 125 Millionen Faß täglich, und daß alle ohne Ausnahme für die nahe oder nähere Zukunft eine weltweite Erdölknappheit voraussagen. Der genaue Zeitpunkt ihres Eintreffens – l981, 1983, 1985 oder auch erst Ende der achtziger Jahre – ist dabei weniger wichtig als die einhellige Voraussage, daß irgendwann im nächsten Jahrzehnt die Energieversorgung kritisch werden könnte, ja: kritisch werden wird. Das Ende des Ölzeitalters ist nahe.

Die Ölknappheit wird sich schon dann bemerkbar machen, wenn wir in den kommenden Jahren nur noch mäßige Wachstumsraten (drei bis vier Prozent) verzeichnen. Im Jahre 1980 werden die westlichen Industriestaaten rund 15 werzent mehr Energie brauchen als heute, 1985 möglicherweise sogar 40 Prozent mehr. Nach dieser Projektion müßte die Opec ihre Erdölförderung von heute 32 Millionen ihre täglich auf 48 Millionen steigern – um über ein Drittel.