Für die Aktien sind die Börsianer trotz aller kalten Duschen weiter voller Hoffnung. Mit der neuen Zinssenkungs-Runde tritt der Rendite-Gedanke wieder in den Vordergrund. Unter Berücksichtigung der künftig zu gewährenden Steuergutschrift von 9/16 der Bardividende errechnen sich bei zahlreichen Aktien Renditeh, die denen der festverzinslichen Werte nahekommen oder ihnen bereits überlegen sind.

In den Börsensälen wird die Auffassung vertreten, daß der Zinsfunke schon längst gezündet hätte, wären die Unternehmensleitungen in ihren Dividendenprognosen für 1977 weniger vorsichtig gewesen. Mit der Standardaussage: Wir werden die Vorteile der Körperschaftsteuerreform voll an die Aktionäre weitergeben! – weiß niemand so Rechtes anzufangen. Besser wäre zweifellos gewesen, wenn man klar gesagt hätte: „Bei gleichbleibender Ertragslage werden wir die Dividende auf diesen oder jenen Satz senken.“ Dann läßt sich ausrechnen, wie hoch sich die Bruttodividende (einschl. Steuergutschrift) stellen wird.

Nur die Siemens-Aktionäre wissen, woran sie sind. Wenn die Welt nicht einstürzt, erhalten sie weiterhin acht Mark in bar. Dazu kommt, dann die Steuergutschrift von 4,50 Mark, also zusammen 12,50 Mark. Bei einem Siemens-Kurs von 271 Mark entspricht dies einer Rendite von 4,6 Prozent. Als Renditeanlage fällt die Siemens-Aktie daher aus. Hier kauft der Anleger ein Papier, dessen Nutzen sich nur längerfristig offenbaren kann.

Die spekulativen Erwartungen auf massierte Kaufaufträge aus dem Ausland im Zusammenhang mit den Aufwertungsversionen sind bislang nicht in Erfüllung gegangen. Offenbar ist es diesmal rechtzeitig gelungen, unerwünschten Devisenzuflüssen einen Riegel vorzuschieben. Der Druck auf die Mannesmann-Aktien legt die Vermutung nahe, daß aus dem Ausland sogar deutsche Aktien zurückfließen, hauptsächlich aus England, wohin vor einigen Jahren, größere Posten gewandert sind. Offensichtlich ist es schwer, deutsche Investoren für eine Aufstockung ihrer Mannesmann-Depots zu begeistern. Teilweise werden sogar Mannesmann- in Thyssen-Aktien getauscht. Thyssen gilt als das dynamischere Unternehmen.

Lieblingspapiere der Börsenspekulanten sind weiterhin die Aktien der Lufthansa. Die großen Umsätze bei gleichbleibenden Kursen deuten allerdings darauf hin, daß etliche Leute hier „Kasse machen“ und ihre meist beträchtlichen Kursgewinne realisieren. Mit Chemie-Verwaltung und Felten hatte die Spekulation Pech. In beiden Fällen wollte man von einer bevorstehenden Abfindung der freien Aktionäre wissen. Doch es wurde abgewinkt. Die Vorher gestiegenen Kurse der Gesellschaften gaben daraufhin wieder nach. Am Wochenbeginn setzte bei MAN eine spekulative Bewegung ein, als verbreitet wurde, daß in den Schubläden der GHH, Großaktionär von MAN, Pläne einer Eingliederung von MAN in den GHH-Bereich schlummerten, deren Verwirklichung nur über ein Umtauschangebot an die freien MAN-Aktionäre möglich sein sollte. MAN-Stamm-Aktien, so meint man in den Börsensälen, würden im Verhältnis 1:1 in GHH-Stammaktien getauscht werden können. Also müßten sich die Kurse beider Papiere einander angleichen.

Eine geradezu wilde Spekulation gab es bei den sogenannten Kaufrechten für junge Reichelt-Aktien. Die F. Reichelt AG, eine pharmazeutische Großhandlung, war so heruntergewirtschaftet worden, daß das Kapital im Verhältnis 2 :1 zusammengelegt werden mußte. Anschließend ist es im Verhältnis 1 : 2 wieder erhöht worden. Der zu Hilfe gerufene neue Großaktionär, die Otto Stumpf AG, übernahm zunächst sämtliche neuen Aktien mit der Verpflichtung, sie den verbliebenen freien Aktionären anteilmäßig zur Verfügung zu stellen. Es gab keinen Bezugsrechthandel, sondern einen mehr oder weniger unkontrollierten Handel in „Kaufrechten“, deren Preise zwischen 23 und 6 Mark schwankten. Wer richtig lag, konnte eine Menge Geld verdienen. K. W.