Von Josef Joffe

Den freundlichen Motorradfahrer erkennt man schon lange nicht mehr an den Fliegen zwischen seinen Zähnen. Das Lächeln trägt er jetzt unter Glas – im Integralhelm. Wehendes Goldhaar ist eine Legende aus der Zigarettenreklame: Hierzulande schirmt sich Easy Rider ab; dafür sorgen das Wetter, das Gesetz und die Versicherung, die bei Helmlosigkeit Teilverschulden unterstellen kann.

Die Hülle wird zur Kapsel. Mit Helm, Leder-Overall und leuchtfarbenem Regenanzug sieht man aus wie ein außerirdisches Wesen – und wird auch so angesehen. Die Honda GL 1000 Gold Wing habe ich in Offenbach abgeholt; im Odenwald mache ich die erste Station. Das Hotel "Zum Hecht" hat keine Rezeption, aber viele Gummibäume in der guten Stube. Unter den pikierten Blicken der abendessenden Kurgäste bahne ich mir knatschenden Schrittes – den Helm artig unterm Arm – den Weg zum Tresen. "Hätten Sie noch ein Zimmer frei?" Pause. Dann siegt der Geschäftssinn. "Also, Nummer 415 können Sie noch haben." Der Jungkoch führt mich ab, weg von der Kupfer- und Schmiedeeisen-Herrlichkeit des "Hechts" in die abseitige Dependance. Zimmer 415 entpuppt sich als ehemalige Chauffeurs-Kammer im Klappbettformat und im vierten Stock. Meine Honda hat es besser; sie darf im ehemaligen "Königreich-Saal" der Zeugen Jehovas übernachten. Ein später Trost wird mir vom Jungkoch zuteil. Beeindruckt von den vier Zylindern und der Wasserkühlung, gelobt er, die letzte Portion Schwetzinger Stangenspargels für mich aufzuheben.

Am nächsten Tag geht es auf die Autobahn. Die Honda zieht wie auf Schienen geradeaus – auch wenn man in die Kurve will. Die Maschine wiegt knapp sechs Zentner und bringt es auf rund 200 Stundenkilometer; da fordern Newtons Bewegungs- und Trägheitsgesetze unweigerlich ihren Tribut. Die Kombination von rasanter Beschleunigung (von 0 auf 100 km/st in 4,5 Sekunden) und schierer Masse prädestiniert die Gold Wing zum Geradeauslauf, aber nicht zur flinkfüßigen Kurvenfahrt. Für ihre Geschwindigkeit ist die Honda GL 1000 fast schon zu schwer. Sie wiegt im Schnitt einen Zentner mehr als ihre Ein-Liter-Konkurrenten von Laverda, BMW und Kawasaki.

Was ihr an Wendigkeit fehlt, macht die Gold Wing an Fahrkomfort mehr als wett. Ihr wassergekühlter Boxermotor (plus Kardanwelle an Stelle des Kettenantriebs wie bei den kleineren Modellen) ist, was man "kultiviert" nennt: Er ist ungemein leise, elastisch und beispielhaft vibrationsfrei. Die Fünf-Gang-Schaltung ist präzise, die Kupplung ein Kinderspiel auch für Finger, die sonst nur elektrifizierte Schreibmaschinentasten drücken. Hondas dickster Pluspunkt waren schon immer seine ausgereiften Motoren – weniger berühmt ist das Werk für seine Fahrgestelle.

Die verbesserte Version der GL 1000 – die K II, die diesen Sommer auf den Markt kommt – hat einen neuen Steuerkopf, der das alte "Markenzeichen" der Honda-Familie Verblassen läßt: Auch bei Höchstgeschwindigkeit liegt das Gefährt gerade wie ein Rammbock auf der Straße. Ihre Vorderpartie rüttelt und schüttelt nicht –, auch ohne die Lenkungsdämpfer, die manche bei der älteren Version und den leichteren Modellen nachträglich einbauen ließen. Nur die Hinterradprobleme sind noch nicht ausgebügelt. Das Überqueren von Längsrinnen wird immer wieder, durch einen kleinen, aber häßlichen Hüpfer angezeigt – der sich bei hohen Geschwindigkeiten als kleiner Adrenalinstoß im eigenen Körper fortsetzt.

Ansonsten haben sich die Honda-Konstrukteure viel Mühe mit ihrem Flaggschiff gemacht: große übersichtliche Instrumente, handgerechte Bedienungselemente und viel nützlicher Komfort wie etwa ein geräumiges Handschuhfach, ein Helmschloß und ein Seitenständer für die Vergeßlichen, der beim Anfahren automatisch wegklappt. Ein besonders nützliches Novum ist die Blinkerakustik, die den Fahrer mit ihrem durchdringend-schrillen Piepsen ermahnt, den Fahrtrichtungsanzeiger zurückzustellen. Das Hör-Signal hat außerdem noch zwei weitere Vorteile. An einer Ampel zieht sie mehr Aufmerksamkeit und mißtrauischen Respekt auf sich als laut blubbernde Auspuffrohre. Auf der Autobahn verhilft das Merksignal dem Realitätsprinzip zur Geltung: Wenn man es nicht mehr hören kann, dann fährt man zu schnell. Ab 170 Stundenkilometer übertönen die Fahr- und Windgeräusche alles andere.