Das Glücksverlangen von Schriftstellern und Poeten überwältigt mich immer wieder und stimmt mich, nachdem ich durch die Trauer und ihren Grimm gegangen bin, wieder froh. Zeugen davon sind Schreibväter, die ich mir ausgesucht habe und oft lese... Der Reichtum, dessen ich mich bedienen kann, nimmt zu. Ich wüßte nicht mehr, wie ich ohne ihn zu überleben vermöchte. Unvorstellbar, daß viele darauf verzichten aus Geschäftigkeit, den allermeisten jedoch schon in Schule oder aus Armut das imaginäre Land der Literatur versperrt wurde ...Die armen Leute beherbergen einen immensen Schatz an peinigender Erfahrung, der immer wieder darauf dringt, sich den Widersprüchen und krassen Vertragsbrüchen zu stellen. Wer als Schriftsteller von den Armen keine Hilfe verlangt, hat seinen Beruf verfehlt

Günter Herburger in seiner Rede „Die Macht der Literatur“ auf dem Internationalen Schriftstellertreffen in Lahti/Finnland, gedruckt in der frankfurter Rundschau“, 16. Juli 1977.

Konstantin Fedin

Nach langer Krankheit starb im Alter von 86 Jahren Konstantin Alexandrowitsch Fedin, dessen schriftstellerisches Talent (er schrieb Romane, Erzählungen, Novellen, Theaterstücke, Reportagen) in Jahrzehnten von Kritikern verschiedenster Couleurs mit dezidiertem Respekt genannt wurde. Gorkij förderte Fedin, den Bauernsohn, einstigen Rotarmisten und Journalisten. Der Protegé erhielt wiederholt den Leninpreis und wurde im Jahre 1959 zum Präsidenten des sowjetischen Schriftstellerverbandes gewählt. Die Nachrufe in Moskau haben sich dieser Tage, wie es so der Stil der Nachrufe zumeist will, überschlagen. Fedin wurde als ein „Gründer und Schöpfer“ der sowjetischen Literatur bezeichnet, was sicherlich zu hoch gegriffen und historisch falsch ist. Fedin, der vor dem Ersten Weltkrieg in Deutschland studiert hat, der unter anderem den Roman „Städte und Jahre“, die Trilogie „Frühe Freuden“, „Ein ungewöhnlicher Sommer“, „Freudenfeuer“ schrieb, stand unter dem Einfluß der deutschen Literatur, nicht zuletzt des Expressionismus. Er war auch Vorsitzender der Gesellschaft deutschsowjetischer Freundschaft. Am Ende des Zweiten Weltkrieges hat er sich zwar Vorwürfe wegen „Objektivität“ und „unpolitischer Kunst“ zugezogen, später aber bis zur Nachgiebigkeit an den Grenzen des Opportunismus eingelenkt. Den Ausschluß Solschenizyns aus dem Schriftstellerverband wird er wohl kaum betrieben haben aber geduldet hat er ihn. Der aus Saratow stammende Autor starb am 15. Juli: Auch am 15. Juli starb, 73 Jahre früher (in Badenweiler), ein wirklich Großer der Weltliteratur: Anton Tschechow ...

Suche Kritik – biete „Butt“

Gibt es kritische Talente, die man nur deshalb nicht kennt, weil sie nirgends publizieren können? Die Frage beschäftigt den Deutschlandfunk. Er schreibt einen Wettbewerb für Literaturkritik aus. Begonnen wird nicht klein-klein, sondern mit einem der dicken literarischen Fische dieses Herbstes, mit dem Roman „Der Butt“ von Günter Grass. Erbeten wird, bis zum 10. September, eine Kritik dieses Sechshundert-Seiten-Romans auf fünf Seiten (zu je 30 Zeilen bei 60 Anschlägen). Eine solche Rezension von fünf Minuten Dauer wäre geeignet für die Reihe „Bücher im Gespräch“, die der Deutschlandfunk sonntags von 16.10 bis 16.30 Uhr ausstrahlt. Eine Jury (ein Schriftsteller, eine Buchhändlerin, drei Redakteure der Funkanstalt) werden zwei Rezensionen auswählen, mit je tausend Mark honorieren – und senden. Weitere fünfzig beachtenswerte Sendungen werden ausgewählt und ihre Autoren bekanntgegeben. Leser, die den „Butt“ (samt Geld) an die Angel kriegen wollen, können beim Deutschlandfunk, Stichwort: „Kritikerwettbewerb“, ein Merkblatt anfordern: Lindenallee 7, 5000 Köln 51.

Theater im Weltraum

Rechtzeitig zur Sommertheater-Zeit ist ein Buch erschienen, das in der Theaterwelt heiße Diskussionen auslösen wird: „Der Kosmos auf der Bühne – Das galaktische Weltbild des künftigen Theaters“ von Kurt Besci (Herder Verlag, 328 Seiten, nur 56 DM). Der Autor, „Dramatiker und Kulturphilosoph“, leistet mit seinem Buch „notwendige, sensibilisierende Entwicklungshilfe für die Zukunft“ (Klappentext). Er reflektiert neben vielem anderem über „Entwicklung und Bestimmung eines Planetoiden, solaren und galaktischen Bewußtseins“, riskiert einen „Entwurf einer galaktischen Kulturlehre als Voraussetzung der Entfaltungsmöglichkeiten verschiedener Kategorien eines ,Theaters der Sterne’“ und erreicht (im Schlußkapitel) die „Vollendung des galaktischen Theaters in der Transformation galaktischen Seins“. Wie aus gutunterrichteten Kreisen zu erfahren ist, sollen sich bereits einige namhafte Theaterleute (u. a. Günther Beelitz, Claus Peymann, August Everding) um die Intendanz des ersten Weltraum-Theaters beworben haben.