ZDF, Freitag, 22. Juli: „Reinhard Heydrich – Manager des Terrors“, Fernsehfilm von Paul Mommertz

Nach Hitler nun also Heydrich: Die nur Verdrängten, aber nie Vergessenen kehren auf die Bühne zurück – und siehe, sie sind herrlich wie am ersten Tag!

Reinhard Heydrich, der Supermann aus alter UFA-Zeit: dämonisch und kalt, zynisch und von verwegener Intelligenz, ein Teufelskerl, wie er im Buche steht! Immer der erste, immer voran: als Florett-Fechter und Organisator der Endlösung, als Fallschirmspringer und General-Manager einer geheimen Staatspolizei, als Olympionike und Mörder. Und was für ein Mörder! Kein kleiner Killer, sondern ein Administrator des Todes, ein Henker höchsten Ranges: so stellte sich der Reichsprotektor dar – vorgeführt von einem Mann, der seine Dokumentation stilgerecht, dem Ton des Helden-Epos entsprechend, abschloß: Nicht nur der Tag, sondern auch Stunde und Minute des Heydrichschen Todes wurden vermeldet, als hätte die Zeit Anno 42 den Atem angehalten, in der Sekunde, da ein Obergruppenführer der SS verstarb, von dem es am Filmende bedeutungsschwer hieß, er sei im Alter von achtunddreißig Jahren das Opfer eines Attentats geworden.

So jung und so groß! So genial und so böse! So widersprüchlich und so rätselhaft: Mephisto spielt Geige; der Übermensch scheitert kläglich im Puff. Heydrich, der Stratege unter Taktikern, das Genie unter Kleinbürgern und Parvenüs, dem Reichs-Heini und dem schwulen Röhm, dem Morphium-Hermann und dem albernen Goebbels: ein Mann, selbst dem Führer an Weitblick und Konsequenz überlegen (und deshalb berechtigt, sogar den Allerheiligsten in Frage zu stellen): so präsentierte er sich, in aller Genialität und Verworfenheit, dieser gefallene Engel des Autors Paul Mommertz – monoman und brutal, die personalisierte Ratio am Rande des Wahnsinns.

Einsam, hieß es, sei sie gewesen, diese „ungeheuerlichste Gestalt“, in ihrem von keiner Ratio mehr gesteuerten Zwiespalt von Sadismus und Brillanz: Reinhard Heydrich, dessen Vita in einem Film vorgeführt wurde, der teils aus Psychogramm-Fetzen („Ein Pflichtmensch wie die Mutter, ein Lebemann wie der Vater“: wie heißt’s doch bei Goethe?), teils aus Kolportage-Szenen bestand: Im Nachtlokal, während die Schöne tanzt, wird über die Endlösung geplaudert; Pythia orakelt im Bordell: „Du bist nicht wie Millionen anderer“, sagt das Puffmütterchen zu ihrem Besucher (die Spülung rauscht noch, Heydrich verläßt gerade das Klo), „ich kenne die Männer“.

Kurzum, hier wurde mit Hilfe einer Klamotte ein Schurke, der seine Chance zu nutzen verstand, zu einem Dämon emporstilisiert; hier sah sich, in papierenen Dialogen („ich bat ihn unter Tränen herunterzusteigen“, „Röhm steht jetzt gegen Hitler auf“), ein Mann als Zwienatur von säkularem Ausmaß porträtiert (Himmler, ihm gegenüber, als gemüthaft-spießige Kontrastfigur), der angeblich nichts als er selber war: Da gab’s keine Gesellschaft, in deren Umkreis er lebte, keine Realität (jenseits von Heydrichs Rodomontaden: „Wenn ich abstürze und die Russen kommen, ziehe ich meinen Revolver, wenn der Revolver versagt, boxe ich mich durch, wenn ich nicht boxen kann, mache ich Jiu-Jitsu mit meinen Füßen“: Supermann in voller Aktion!), da gab’s, von einer winzigen Szene abgesehen (und auch die noch auf Heydrich bezogen), nicht einmal die Opfer.

Die Millionen blieben stumm, damit der eine seine Rolle auskosten konnte: Kein vergastes Kind, kein Skelett, keine Rampe, nicht einmal die Bank kam ins Bild, auf der Juden nicht sitzen durften, damals in Deutschland. Die Seelenlage der Opfer (vielleicht hatte da auch jemand einen lustigen Vater und eine pflichtstrenge Mutter: einer der Unzähligen, deren Todesdatum man, im Unterschied zu Heydrichs Sterbestunde, nicht kennt?), die Seelenlage der Opfer, der Namenlosen mit ihrem schauderhaften Jedermanns-Ende, wurde nicht erwähnt. Momos