Bei all dem nostalgischen Zeug, das eigene Ideenlosigkeit gnädig verhüllt und die erfolglose Suche nach eigenem Stil und eigenem Glück dokumentiert, war eine Neuauflage der Werke Fritz Reuters überfällig. „Daß du mich die Nase ins Gesicht behälst“, würde Onkel Bräsig sagen. Jetzt sind hochdeutsche Übertragungen der plattdeutschen Romane erschienen von –

Fritz Reuter: „Das Leben auf dem Lande – Ut mine Stromtid“ und „Gezeiten des Lebens – Romane der Erinnerungen“; beide ins Hochdeutsche übertragen von Friedrich und Barbara Minssen; Langen Müller, München, 1975/1976;702 und 530 S., 38,– und 34,–DM; „Das Leben auf dem Lande“ auch als Taschenbuch: dtv 2019; 703 S., 14,80 DM.

Womit soll man anfangen, wenn man eine so stattliche Seitenzahl zu besprechen hat? Es geht um Inhalt und Form. Beide haben es in sich. Da Fritz Reuter lange tot ist und somit das Schwerste hinter sich hat, nehmen wir die, die das Schwerste vor sich hatten: die Übersetzer.

Da kann man nur sagen: Hut ab. vor Friedrich und Barbara Minssen! Natürlich, da kann man sich in seiner tatsächlichen oder vorgegebenen Kenntnis des Plattdeutschen spreizen, etwa: Dat is jüst nicht dat! Und es stimmt sogar. Es handelt sich um zwei verschiedene Sprachen. Platt ist eben nicht Hoch. Und umgekehrt. Übersetzung ist – wie der Name sagt – von und aus einem anderen in etwas anderes über- und hineingesetzt worden. Wer dort nichts fände, was es zu bemängeln gäbe, der kann auch die Sprache des Urtextes nicht. Wer aber aus profunder Kenntnis des meckelnbörger Platt seine subtile Kritik an der Übersetzung anbringen kann, nun, der ist nicht auf sie angewiesen. Ich halte es für müßig, den Menschen von heute zu empfehlen, sie sollten sich Fritz Reuter im Urtext zusammenbuchstabieren. Wie sollen sie das können? Es ist die Sprache anderer Menschen aus einer anderen Zeit, Die Menschen von heute können sich nur schwer in sie hinein- und zurückversetzen. Wer es nicht glaubt, der mache einmal den Versuch aufs Gegenteil. Er unterhalte sich mit einem intelligenten jungen Bauern, der gemeinhin plattdeutsch spricht, über konkrete Probleme der Agrarpolitik der EG. Und zwar in Plattdeutsch. Sehr schnell wird er merken, daß dies nicht geht. Dabei sind dies unmittelbar praktische Probleme der Existenz dieses jungen Menschen! So, wie hier die Bedingungen der Existenz – seiner Zeit – weit aus dem Plattdeutschen hinausgewachsen sind, so kann der „Nichtplattdeutsche“ nicht zurückwachsen, um beinahe 150 Jahre, in andere Sprache und Zeit.

Platt war nun einmal die Sprache „unterer Volkskreise“. Es ist dazu gemacht worden. Damit wurde es ein Anhängsel des Hochdeutschen. Diese Sprache folgte der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung. Sie folgte der Zeit. Und wer als Plattdeutscher der Zeit folgen muß, weil er in ihr leben muß, der folgt sprachlich dem Hochdeutschen Wenn etwas Originelles dabei herauskommt, dann ist es ein „Missingsch“. Es ist eine Sprachlegierung, ist weder Platt noch Hoch; zwei Sprachen vermischen sich zu einem Dialekt. So geschieht es bei Fritz Reuters bekanntester Figur, dem Onkel Bräsig. Auch er steht sprachlich und in seiner sozialen Funktion zwischen Platt und Hoch, zwischen dem Mecklenburg alter Art, das sich in einer tiefgreifenden Umwälzung seiner grundlegenden Strukturen befindet und zu einer neuen Agrar-Region einer sich rasch entfaltenden, kapitalistischen Industriegesellschaft wird. Die Komik dieser Figur trägt mit sich einen Hauch von Tragik. Er bewahrt ebenso vor dem Abgleiten in die Klamotte, wie das zutiefst humane Mitleiden des Schriftstellers mit den Menschen, an denen eine neue Zeit vollzogen wird. Eine neue Zeit, die sie nicht verstehen, vor deren Wirbelstürmen sie sich ducken und aus deren umherfliegenden Trümmerstücken – bauernschlau und gerissen, wie sie nun einmal sind – sie möglichst viel für sich zu bergen trachten.

Nun, ich glaube, beiden Minssen ist es gelungen, das sprachlich Atmosphärische zu „über“setzen. Mehr kann man nicht verlangen. Treibt man die Übersetzung weiter, dann entsteht die Frage, ob die Übersetzung „das eigentliche Anliegen besser und tiefer“ erfasse als das Original.

Kommen wir zum Inhalt. Um es kurz zu sagen: Ich kann sehr gut verstehen, daß Fritz Reuter im „Urtext“ vor siebzig, achtzig Jahren von der Etsch bis an den Belt gelesen wurde. Ich kann nicht verstehen, daß seine hochdeutschen Übertragungen nicht zu wahren Hits auf dem Buchmarkt werden.