Von Jost Nolte

Aus etwa sechzig Zentimeter Abstand hat die Schauspielerin Ingrid van Bergen (46) gegen 1.30 Uhr am 3. Februar 1977 im Hause Mühleich 5a in Starnberg auf – ihren Freund Klaus-Rüdiger Knaths (33) geschossen. Die Kugel aus dem Revolver Smith & Wesson Nr. 3 J 8631, Kaliber 38 spezial, durchschlug den Unterbauch von Knaths in Höhe der rechten Beckenschaufel und trat am Rücken wieder aus. Ein zweiter Schuß aus einer Entfernung von mehr als achtzig Zentimetern traf Knaths in der Höhe des neunten Rippenzwischenraums, zerriß ihm die Bauchschlagader und verließ seinen Körper an der rechten Beckenseite. Knaths starb um 1.58 Uhr an den Folgen der zweiten Verletzung.

Sehr wahrscheinlich hat Ingrid van Bergen vorher oder nachher noch einmal geschossen. Spuren einer dritten Kugel fand die Polizei an einem Fenster, das Projektil selbst im Freien. Als die Schauspielerin ein viertes Mal abdrücken wollte, war die Kammer des Revolvers leer.

Bis zum Nachmittag des dritten Tages im Prozeß vor dem Schwurgericht München II hängt die Rechtsfindung über die Schüsse der Ingrid van Bergen am seidenen Faden. Alles scheint auf den Wahrheitsgehalt einer von tausend Schlagzeilen über den Fall hinauszulaufen. Die Zeile, in München an jedem Kiosk zu lesen, lautet: „Das Ding ging plötzlich los“. Das Ding, versteht sich, war die Smith & Wesson, und Ingrid van Bergen hat laut Zeugenaussagen unmittelbar nach der Tat erklärt, ein Spiel habe Klaus Knaths das Leben gekostet. Sie, Frau van Bergen, habe Klaus Knaths mit der Waffe nur erschrecken wollen.

Später hat sich die Angeklagte mehr und mehr auf Gedächtnislücken berufen. Zwar haben die Ermittlungen den Ablauf der Tat ungefähr freigelegt, und über die Vorgeschichte hat die Angeklagte zu Beginn des Prozesses wortreich Auskunft gegeben. Doch im Münchner Justizpalast fehlt es an der Überzeugung vom inneren Zusammenhang und damit an der Einsicht in die wirklichen Gründe des Geschehens. Eine erfahrene Darstellerin, das ist der Eindruck, liefert eine Rolle ab. Was sich in Starnberg ereignet hat, kann so gelaufen sein, wie die Rolle glauben machen will; es kann sich auch ganz anders begeben haben. Der Stil der Darbietung, irgendwo zwischen Inge Meysel und Siegfried Lenz (wenn der aus seinen Werken liest), macht mißtrauisch. Zu Tage tritt Ich-Verzerrung aus Berufsmanier.

Das war zu erwarten – wie die Paroxysmen der öffentlichen Neugier abzusehen waren. Neun Stunden vor Prozeßbeginn hat der erste Zuschauer vor der Tür Platz bezogen, um nur ja Einlaß zu finden. Andere verharren später stunden-, wenn nicht tagelang in der Hoffnung, daß doch noch einer der ersehnten Stühle im Zuschauerraum frei wird. Indessen tragen ganze Boulevard-Redaktionen im rollenden Einsatz jeden Satzfetzen nach draußen, wobei ihnen allerdings einige Mutationen des Sinngehalts unterlaufen.

Zum Beispiel hat einer der Richter oder hat der Staatsanwalt die Angeklagte gefragt, ob sie sich durch Lektüre psychologischer Werke, womöglich auch populärwissenschaftlicher Bücher, auf die Verteidigung vorbereitet habe. Die Angeklagte hat geantwortet, sie habe sich tatsächlich etwas mit Psychologie beschäftigt, freilich nur, um über ihr chaotisches Seelenleben hinwegzukommen und positive Gedanken zu finden.

In der Zeitung aber ist am nächsten Tag nicht von populärer psychologischer, sondern von parapsychologischer Literatur die Rede. Folge einer schlechten Akustik im Gerichtssaal? Irrtum aus Unkenntnis? Oder war es einfach schöner, eine Bemerkung über Parapsychologie zu haben?

An Irritationen ist kein Mangel, und nicht immer gelingt es dem Gericht, ihnen zu widerstehen. Es wird ja nicht nur gegen eine bekannte Schauspielerin verhandelt, auch das Brauchtum der Münchner Schickeria spielt in den Prozeß hinein. Motto: „Hat Lo Sachs gelogen?“

Beispiel: Daß Eleonore Sachs, Ex-Frau des dann verunglückten Industriellen Ernst Wilhelm Sachs, nicht nur – wie sie behauptet – geschäftliche Beziehungen zu Klaus Knaths gehabt, sondern mit ihm auch privaten Umgang gepflegt habe, sagt die Zeugin Florentine („Flo“) Zametzer aus, ebenfalls ein Mitglied der Schickeria, wenn auch wohl nicht so hohen Ranges wie Frau Sachs. Natürlich muß sich daraufhin das Gericht ein Urteil über die Glaubwürdigkeit der einen wie der anderen Zeugin bilden, und einer der Beisitzer möchte dieses Rätsel an Hand des Bildungsstandes von Frau Zametzer lösen. Hat sie Abitur? Nein, nur Volksschule. Na also.

Doch am Nachmittag des dritten Prozeßtages geschieht, was kaum noch zu hoffen ist: Wer immer Wert darauf legt, darf sich die Schuppen von den Augen wischen. Die Gutachter leuchten hinter das Rollenverhalten der Angeklagten. Die menschlichen Konturen des Falles werden sichtbar. Es wird und bleibt unwichtig, ob Frau Sachs mit Klaus Knaths etwas hatte. Wichtig ist allein, daß Ingrid van Bergen dies annahm und darüber seelisch aus den Fugen geriet. Sie hatte Angst, Klaus Knaths diesmal nicht halten zu können, und aus dieser Angst wuchs ihre Tat.

Das war auch vorher schon zu vermuten. Nun aber ordnen sich die Dinge zum unheilträchtigen Gesamtbild – von der Geschäftslage der Firma Knaths & Co Treuhand KG (nach dem Tode von Klaus Knaths hat das Amtsgericht München den Wert des Unternehmens bei Verbindlichkeiten von mehr als drei Millionen Mark auf Null festgesetzt) über die Wechseljahre Ingrid van Bergens bis zu ihrem Blutalkohol von 1,98 bis 2 Promille zur Tatzeit.

Ingrid van Bergen hat als Frau wie ein Mann in der Männergesellschaft gelebt. Der Rollenkonflikt hat sie früh gepackt. Aufgeklärt wurde sie nicht. Sie hat, was sie wissen wollte, bei Tieren beobachtet und Doktorspiele gespielt. Als Zehnjährige sah sie eine Eifersuchtsszene zwischen ihren Eltern. Die Mutter war hochschwanger, der Vater tändelte mit einer jüngeren Kollegin. Später versöhnte er die Mutter, indem er mit ihr schlief. Die Tochter hielt ihn für den Sieger, die Mutter war in den Augen des Kindes gedemütigt.

Bei ihrem ersten eigenen sexuellen Erlebnis mußte Ingrid van Bergen ihren Freund trösten: Er hatte eine ejaculatio praecox. Je öfter sie dann mit oder bei Männern Pech hatte, um so mehr wuchs ihr Wunsch nach einer glücklichen Ehe und nach Kindern. Dieser Wunsch arbeitete weiter in ihr, als sie schon Mutter zweier Töchter war und führte schließlich zu eingebildeten Schwangerschaften. Ingrid van Bergen suchte vergeblich Hilfe in Menstruationskosmetik. Sie wollte ein Kind von dem Mann, mit dem sie vor Klaus Knaths zusammen lebte. Er war der erste, der sie sexuell voll zufriedenstellte, aber er war alles andere als zartbesaitet: Er beschimpfte sie als Altersheim und machte sich an ihre sechzehnjährige Tochter heran. Die Zeit mit ihm wurde zum Horrortrip.

Klaus Knaths liebte Ingrid van Bergen dann so unehrlich, wie er auch im übrigen lebte. Seiner Hochstapelei in Geschäften, seinen Affären mit anderen Frauen und seinen Wortbrüchen entsprach sein sexuelle! Verhalten. Er verweigerte Ingrid van Bergen die Zärtlichkeit und flüchtete sich am Ende in Jargon-Erotik: Seine Freundin mußte ihm körperliche Vorzüge und Liebesfähigkeiten seiner Vorgänger schildern. Sie antwortete mit Anorgasmie und ließ sich doch immer wieder durch Großzügigkeit und Liebenswürdigkeit besänftigen und versöhnen – bis Knaths sie eines Tages als klimakterische Kuh verhöhnte und sich abermals eine Schwangerschaft als eingebildet erwies. Ingrid van Bergen geriet in Panik. Sie dachte: „Jessas, es ist aus. Und der Klaus ist zwölf Jahre jünger.“

Die Eigenschaften der Angeklagten nach der klinisch-psychologischen Untersuchung: Sie ist empfindsam bis zur Selbstaufgabe. Sie kehrt ihr Leben ganz nach außen und will dominieren. Ihre Daseinstechnik gründet sich auf Fleiß, Anpassungsfähigkeit und Ausdauer. Noch unter ungünstigen Umständen liegt ihr Intelligenzquotient bei 114, unter besseren Bedingungen bei 122. Die Kehrseite: Es gibt Defizite an Vertiefung, innerer Ordnung und Festigkeit. Ingrid van Bergen findet keine Freunde und meint, niemanden richtig zu kennen. Sie sagt: „Ich mache immer etwas falsch.“ Sie sagt auch: „Ich denke, wenn ein fremdes Kind weint, ich bin schuld.“

Ihre Kindheit beschreibt die Angeklagte mit dem Satz: „Ich war wie ein Junge; ein Junge hat die Führung.“ Ihr Verhalten zu ihren Partnern: Sie will die Männer binden, aber benimmt sich so, daß sie sie vertreibt. Sie ist von ihnen sexuell fast abhängig, aber beharrt auf der eigenen Überlegenheit. Die Psychologen nennen dies den Amazonenkomplex.

Im neurotischen Paradox bahnt sich die Tat an. Der Revolver wird zum Phallus-Symbol. Klaus Knaths schleppt ihn mit sich herum, aber wenn im dunklen Garten verdächtige Geräusche laut werden, geht Ingrid van Bergen mit der Waffe hinaus.

In der Tatnacht, nach einem neuen Wortbruch des Freundes, überschwemmen die Affekte die seelischen Reiches Ingrid van Bergen wartet auf Klaus Knaths. Er hat versprochen, früh zu kommen. Das Kaminfeuer brennt. Die Sauna ist angebetet, Das gehört zum Liebesritual. Doch Knaths verspätet sich. Er ruft an. Eine andere Frau ist bei ihm: die berüchtigte Lo Sachs. Ingrid van Bergen trinkt Gin, den sie nicht mag. Später findet sie eine halbe Flasche Rotwein, die sie ebenfalls leert. Sie telephoniert in der Gegend herum. Einmal sagt sie: „Das mache ich nicht mehr mit. Kümmert euch um meine Kinder.“ Diese Gespräche sind Hilferufe wie ein Soldat, der verwundet nach seiner Mutter schreit, die ihn doch nicht hören kann.

Was ist geschehen, als Klaus Knaths ins Haus kam? Seine Mutter – das ist seither tausendmal gedruckt worden hat die Todesschüsse auf ihren Sohn am Telephon mitgehört. Von den Gutachtern will das Gericht wissen, ob der Anfragten abzunehmen sei, daß sie nur noch in kontaminierten Bildern, quasi auf Standphotos eines sonst nicht mehr erinnerten Vorgangs sieht, was sich ereignet hat. Die Gutachter sagen ja. Sie sagen auch, Ingrid van Bergen habe sehr wahrscheinlich nicht mehr erkennen können, daß sie die Arg- und Wehrlosigkeit ihres Opfers ausnutzte, als sie schoß. Damit ist der Mordparagraph abgehakt.

Die Standphotos: Ingrid van Bergen sieht das Gesicht ihres Freundes plötzlich verschwinden, und sie spürt einen Rückschlag im rechten Arm. Sie läuft ins Freie. Klaus Knaths liegt mit dem Gesicht nach unten im Schnee. Frau van Bergen hört ihn röcheln und dreht seinen Körper um. Sie erkennt ein Loch in seiner Jacke und läuft zum Telephon. – Die Standphotos sind doch ein Film. Er überzeugt.

Die Zeugen haben an der Theatralik der Angeklagten nach der Tat Anstoß genommen. Sie habe schauspielerhaft gestiert, sei plötzlich lebhaft, ja aggressiv geworden, habe klar, dann wieder verwaschen gesprochen, habe geleugnet, betrunken zu sein, und sei gleich darauf getaumelt.

Schauspielerei? Für bürgerliche Begriffe also: Getue, vorgeschütztes Verhalten, Lügenhaftigkeit? Es hat schon vorher Theatern genug gegeben: das dekorative Warten im Liebesnest, die pathetischen Rundrufe durchs Telephon, die bewirkten, daß die Tat ihr Publikum hatte – die Mutter des Opfers. Und nach der Tat hat Ingrid van Bergen als erstes gesagt: „Es war ein Spiel.“

Doch es handelt sich um die Schauspielerei einer Schauspielerin und damit um die zweite Natur der Angeklagten, wenn sich bei Schauspielern erste und zweite Natur überhaupt unterscheiden lassen. Die Gutachter sind darauf nicht eingegangen. Vermutlich war ihnen das Thema zu heikel, zu ungesichert. Die Verteidigung hat es schon früh angedeutet, und sie hat recht daran getan: Die Psychologie der Schauspieler ist deckungsgleich mit ihrem Selbstverständnis, und ihr Selbstverständnis ist Selbstverzerrung. Sie haben sich in einer Subkultur eingerichtet, in der sie sich selbst mißverstehen und das Mißverständnis anderer herausfordern.

Es rührt gewiß auch daher, daß die Zuschauer am vierten Verhandlungstag mit heftigem Beifall oder lautem Unmut auf die Schlußvorträge antworten, und es kommt nicht von ungefähr, daß der Vorsitzende dies mit dem Satz rügt: „Wir sind nicht im Theater.“ Es liegt Theatralik in der Luft, aber den Ernst der Sache kann sie nicht beeinträchtigen. Theatralik gehört unlöslich zur Natur dieses Falles.

Anklage und Verteidigung sind sich darüber einig, daß die aufgewühlten Gefühle der Angeklagten in der Tatnacht wie in den Totschlag auch in Selbstmord hätten münden können. Der Staatsanwalt: „Die Angeklagte ist im Zentrum ihres Seins als Frau getroffen und gedemütigt.“ Die Verteidigung: „Es war reiner Zufall. Das Opfer hätte auch die Angeklagte sein können, und sie wollte es eigentlich sein.“

Der Rest ist juristische Bewertung: zehn Jahre Freiheitsentzug für Totschlag im Zustand erheblich verminderter Zurechnungsfähigkeit in den Augen des Staatsanwalts; als Höchststrafe fünf Jahre für einen minderschweren Fall des Totschlags nach Ansicht der Verteidiger.

Das Schwurgericht verurteilte Ingrid van Bergen zu einer Gefängnisstrafe von 7. Jahren.

Schwurgericht München II: Vorsitzender Richter Wilhelm Paul. Anklage: Erster Staatsanwalt Hans Thomma. Verteidigung: Rolf Bossi, Gunter Widmaier. Gutachter: Prof. Dr. Wolfgang Spann, Prof. Dr. Werner Wende, Dr. Wolfgang Eicher, Dipl.-Psych. Siegfried Binder u. a.