Von Georg Jappe

Künstler halten Jochen Gerz gern für einen Literaten, sie vermissen Materialität und Form; Literaten halten Jochen Gerz gern für einen Künstler, sie vermissen Inhalt, Ordnungskategorien, Stil.

Gerz, 1940 in Berlin geboren, begann als visueller Poet, und sehr bald zweifelte er an Materialität und Form, Inhalt, Ordnungskategorien, Stil, ja überhaupt an Buchstaben, am Papier, am Photo. Was sagen sie denn? Mit einer Genferin verheiratet und seit zehn Jahren in Paris lebend, hat er auch Bücher auf französisch geschrieben und seine deutschen partienweise übersetzt – da wird eine Verwandtschaft zu „La jalousie“, zur Wirklichkeitszerrüttung des nouveau roman unverkennbar. Überträgt er Probleme der Literatur in die Kunst? Überträgt er Fragestellungen der Kunst (Spurensicherung, support-surface) in die Literatur? Sicher gibt es da Überschneidungen, aber Gerz will ausdrücklich keine Literatur machen und keine Kunst. So paradox das klingen mag, er will die Ungewißheit festhalten, zu der ihm alles zerfällt. Ein neuer Chandos.

„Mich interessiert immer, daß etwas abwesend ist“, erläuterte er Studenten seinen großen documenta-Raum. Von der erinnerten Transsibirienreise blieb nichts als die mögliche Kunde – auf Schiefertafeln. Nichts ist sicher mitteilbar als dies, daß nichts sicher mitteilbar ist (und das auf einer Medien-documenta!). In der Abteilung Bücher befindet sich ein Manuskript auf unbelichtetem Photopapier; durch öffnen und Lesen – durch Belichtung – würde es zerstört.

Solche Erkenntnisfragen stellte auch „Die Zeit der Beschreibung“ 1974, dem nun folgt –

Jochen Gerz: „Das zweite Buch – Die Zeit der Beschreibung“, verlegt in den Weingärten 13 bei Klaus Ramm in Lichtenberg, 1977; 154 S., 20,– DM.

Das Buch erschließt sich nicht von selbst. Und so hilfreich Heißenbüttels Nachwort zum ersten Buch war, so versponnen, fast heideggerianisch ein paar Begriffe zerreitend, ist nun das zweite ausgefallen, seltsam lustlos.