Die Festnahme dieser Gruppe war bis heute der größte Fischzug, der den Staatsschutzbehörden und der Polizei in der Terrorszene gelang. Die RAF sei zerschlagen, hieß es seitdem. Nach Auffassung der Hamburger war sie jedoch nur in die Isolation geraten.

Auf Initiative der in -Stammheim Inhaftierten waren schon 1973 die "Folterkomitees" von den RAF-Anwälten und den Kernmitgliedern gegründet worden. Die ."Komitees" formierten sich in allen Großstädten, aber auch in Mittelstädten. Das Hamburger Komitee zählte bis zu hundert Personen, bei starker Fluktuation. Karl-Heinz Dellwo und Bernhard-Maria Rösner, zwei der verurteilten Stockholm-Attentäter, gehörten zu den Aktivisten auf dieser Szene. Dellwo und Susanne Albrecht galten als Pärchen. (Die übrigen Stockholm-Attentäter Hanna Krabbe, Lutz Täufer, Siegfried Hausner und Ulrich Wessel kamen vom Heidelberger Folterkomitee.)

Im selben Jahr 1973 wurde in Hamburg von Gründonnerstag an fünf Wochen lang das Haus Ekhofstraße 39 besetzt – nach allem, was heute bekannt ist, ein Schlüsselereignis in der Terror szene. Zu den Belagerern gehörten nicht nur Schüler und Studenten, die mit der Besetzung ehrlichen Herzens gegen Bodenspekulation "zugunsten der Reichen und zu Lasten der Armen" protestieren wollten, sondern auch alte und zukünftige RAF-Leute: unter anderen die "Stockholmer" Dellwo und Roesner, die Mitglieder der Gruppe "4. 2.", Borwin Wulf, ein Einzelgänger im Untergrund, der später als "Feierabend-Anarchist" von sich reden machte, und der Arzt Karl-Heinz Roth, der kürzlich freigesprochen wurde.

Die zweite Fortsetzungsgruppe der RAF überfiel am 24. April 1975 als "Kommando Holger Meins" die deutsche Botschaft in Stockholm. Der Überfall wurde als Reaktion der RAF auf die unabhängig von ihr operierende "Bewegung 2. Juni" angesehen, die mit der Lorenz-Entführung zwei Monate zuvor einen Paradefall geliefert hatte: Sie hatte nicht nur ihre Geisel am Leben gelassen, sondern ihre Topleute aus den Gefängnissen freigepreßt; keiner davon gehörte der RAF an.

Anders als die "Bewegung 2. Juni", von der keine ideologischen Kampfschriften im Umlauf sind, legt die RAF bis heute größten Wert auf die politisch-agitatorische Propaganda. Für die Hamburger besteht kein Zweifel, daß der ideologische Kopf noch immer "die Stammheimer" sind und die Übermittler der Informationen die RAF-Anwälte (zur Zeit werden 81 Wahlverteidiger gezählt). Für sie ist die RAF auch, die einzige Terrorgruppe, die es verstanden hat, mit ihrer Öffentlichkeitsarbeit kontinuierlich bei den "Pfaffen" und "liberalen Scheißern" (RAF-Jargon) anzusetzen und Sympathiewerbung zu treiben (Stichwort "Isolationsfolter", heute auch "antifaschistischer Widerstand").

Die dritte Fortsetzungsgruppe der RAF bildete sich um den Rechtsanwalt Siegfried Haag, der als RAF-Verteidiger im Stuttgarter Anwaltsbüro von Klaus Croissant angefangen hatte und im letzten Jahr festgenommen wurde. Er zählte zu den Gründungsmitgliedern der Folterkomitees und ging immer mehr zu Unterstützungshandlungen für seine Mandanten über. Noch bevor er am 11. Mai 1975 untertauchte, war er verdächtig, für die RAF Waffen aus der Schweiz in die Bundesrepublik geschmuggelt zu haben. Wieweit Haags Rolle in Stockholm ging, ist nicht ganz deutlich. Die Haag-Gruppe gilt aber als verantwortlich für den Mord an Siegfried Buback und an Jürgen Ponto. Sie umfaßte ursprünglich elf Mitglieder, von denen noch sechs auf freiem Fuß sind, darunter die Krankenschwester Adelheid Schulz, die sowohl im Fall Buback als auch im Fall Ponto als Quartiermacherin in Erscheinung trat.

Nach der "Pleite" in Stockholm war der Mord an Buback die erste große Aktion der RAF, die im Untergrund "phantastisch" ankam. Die breite Diskussion, die sie in der Öffentlichkeit auslöste, "überraschte positiv" und wurde als Motivierung für Sympathisanten angesehen. Dagegen gilt der Mord an Jürgen Ponto offenbar als nur halbgelungen. Das Kommando selber, geschwächt durch die Festnahmen im Falle Buback, aufgefrischt durch "die Mädchen", ist gescheitert; is kam nicht zu der geplanten Entführung. Nach Meinung der Hamburger ist es typisch, daß bislang die politische Rechtfertigung der Täter noch fehlt – im Falle Buback war sie schnell im Umlauf. Offenbar haben sie Schwierigkeiten, die Aktion politisch zu "verkaufen". Ein Verfassungsschützer: "Die politische Legitimierung ist für diese Leute das allerwichtigste. Erst wenn sie stimmt, gibt sie der Sache der Terroristen den drive wie bei Buback."