Eleonore Poensgen wurde uns von der Boulevardpresse als Mittäterin im Mordfall Ponto präsentiert. Wir haben immer noch nicht gelernt, daß ein Mensch, so lange er nicht verurteilt ist, als unschuldig zu gelten hat. Wir, das sind auch Journalisten, insbesondere die, die bei den Boulevardzeitungen den Ton angeben. „1. Terrormädchen gefaßt“, hieß es da, als Eleonore Poensgen festgenommen wurde. Doch die Bundesanwaltschaft setzte sie wieder auf freien Fuß, als sich herausstellte, daß Aussagen gegen Aussagen standen. In dubio pro reo, im Zweifel für den Angeklagten, heißt ein weiser Rechtsgrundsatz. Aber gewisse Journalisten hatten das junge Mädchen längst verurteilt. Mit Photo und fetten Schlagzeilen wurde suggeriert, „sie war beim Mord dabei“.

Das Kainszeichen, das Eleonore Poensgen damit erhalten hat, wird sie womöglich ihr Leben nicht mehr los werden. Und sollte sich herausstellen, daß sie ganz und gar unschuldig ist, so kann auch kein Schadenersatz diese „Persönlichkeitsverletzung“ wiedergutmachen, die ihr vor einem Millionenpublikum angetan wurde.

Jeder von uns kann in die Mühlen der Justiz geraten, auch unschuldig. Das hätten Journalisten, die auch Väter sind und vielleicht auch Töchter haben, bedenken sollen. v. k.