Von Ulrich de Maizière

Immer wieder werden Zweifel laut, ob die vom Nato-Bündnis aufgebaute, Abschreckung wirklich glaubwürdig ist und damit ihr politisches und militärisches Ziel erreichen kann. Meist entzündet sich der Zweifel an der Frage, ob der amerikanische Präsident wirklich bereit sein wird, die atomare Eskalation auszulosen, wenn Europa in seinem Bestand gefährdet ist, die Vereinigten Staaten aber in ihrem Kern noch nicht bedroht sind. Und in der Tat gibt es zwar klare amerikanische Verpflichtungen für den atomaren Teil der gemeinsamen Abschreckung, aber keine unzweifelhafte Gewißheit darüber, ob und welche atomaren Entscheidungen der Präsident in einem Verteidigungsfall tatsächlich treffen wird.

Horst Afheldt, Mitarbeiter im Max-Planck-Institut von Professor C.-F. von Weizsäcker, hat – nun nach langjährigen Vorarbeiten der Öffent-

lichkeit ein Konzept für die Verteidigung der Bundesrepublik Deutschland vorgelegt, das gerade diese Schwäche überwinden soll:

„Verteidigung und Frieden. Politik mit militärischen Mitteln“; Carl Hanser Verlag, München 1976; 345 S., 44,– DM.

Afheldts Ziel ist es, die Katastrophe eines großen Krieges durch den Aufbau einer militarischen Abschreckung zu verhindern, die deshalb voll glaubwürdig ist, weil sie, wenn es doch zu einem Angriff durch den Warschauer Pakt kommen sollte, auch rational durchgeführt werden kann, ohne gegen das Eigeninteresse zu verstoßen. Zugleich will er die Substanz, die zu erhalten der Sinn der Verteidigung ist, vor der Zerstörung durch den Abwehrkampf bewahren.

Das von Afheldt als Ergebnis seiner Analyse vorgelegte Konzept ist für den an Nato-Kriterien gewohnten Leser schockierend. Es bricht Tabus, die bisher unbestrittene Grundlagen der gemeinsamen Strategie waren. Er verzichtet auf amerikanische Truppen und taktische Atomwaffen in Europa, auf Luftwaffe, Panzer und Artillerie, auf Vorneverteidigung, Frontbildung und bewegliche Operationsführung; ja, er verneint sogar das Prinzip der Unkalkulierbarkeit des den Angreifer erwartenden Risikos. Er vertraut auf ein dichtes, über die ganze Bundesrepublik Deutschland verteiltes Netz kleiner, autonom kämpfender Technokommandos, die nur mit panzerbrechenden Waffen und leichten Luftabwehrraketen ausgerüstet sind. Er strebt eine „Raumverteidigung“ an, in der sich die überlegene Zahl der sowjetischen Panzer verzehren soll. Er lehnt zugleich alle Waffensysteme und militärischen Einrichtungen ab, die den gegnerischen schweren Waffen lohnende Ziele bieten könnten.