Der Rückgang des Nominalzinssatzes auf sechs Prozent zwingt die Anleger, sich nach besser verzinslichen Anlagen umzusehen. Immer intensiver richtet sich ihr Blick dabei auf die Aktien. Unter Berücksichtigung der für 1977 erstmals wirksam werdenden Steuergutschriften lassen sich bei einigen Papieren höhere Renditen erzielen als am Rentenmarkt. Ob Aktien sich unter diesem Gesichtspunkt zum Kauf eignen, hängt jedoch nicht nur von der 1977er Dividende ab, sondern ebenso von den Ertragsaussichten in dem kommenden Jahre.

Seit Monaten läuft in den Börsensälen die Dividendenspekulation auf vollen Touren. Das ist kein Wunder; denn erstmals seit Jahrzehnten besteht die Chance, daß die Aktienrendite über die der festverzinslichen Papiere hinaussteigt. Möglich wird die Rückkehr zu dieser klassischen Relation durch die-seit dem 1. Januar 1977 in Kraft befindliche Körperschaftsteuerreform. Sie beseitigt die bisherige Doppelbesteuerung der Aktie, führt aber bei den Unternehmen selbst zu einer höheren Steuerbelastung. Als Ausgleich, dafür erhalten die Aktionäre eine Steuergutschrift von 9/16 der jeweiligen Bardividende. Sie wird auf seine persönliche Einkommensteuer angerechnet.

Die Konsequenz dieser Neuerung: Als Folge der höheren Steuerbelastung der Unternehmen können diese bei gleichbleibender Ertragslage weniger an die Aktionäre in bat ausschütten als bisher. Da die Barausschüttung jedoch um den Steuergutschein angereichert wird, erhält der Aktionär trotzdem mehr.

Nach Ablauf der diesjährigen Hauptversammlungssaison glaubt man in den Börsensälen realistische Ansätze für die 1977er Dividenden gewonnen zu haben. Bei Siemens wurden von vornherein alle Zweifel beseitigt. Mit Rücksicht auf die vielen ausländischen Aktionäre, die mit dem deutschen Steuergutschein nichts anfangen können, wird die Beibehaltung der bisherigen Ausschüttung von acht Mark angestrebt. Dazu kommt dann eine Steuergutschrift von 4,50 Mark, so daß der deutsche Aktionär künftig mit 12,50 Mark rechnen kann, insofern er steuerehrlich ist und die Dividende dem Finanzamt gegenüber nicht verschweigt. Nach Schätzungen des Bundesfinanzministeriums sind bisher rund 25 Prozent aller Dividenden nicht deklariert worden.

Trotz der aktionärsfreundlichen Haltung ist die Siemens-Aktie für Renditejäger uninteressant. Bei einem Kurs von 278 Mark bringt sie nur eine Gesamtrendite von knapp 4,5 Prozent.

Der RWE-Vorstand hat sich zu einer exakten Dividendenvoraussage für das am 30. Juni 1977 beendete Geschäftsjahr noch nicht durchringen können. Als Faustpfand besitzen die RWE-Aktionäre lediglich seine Zusage, daß die Gesamtausschüttung deutlich höher als die bisherige Bardividende von zuletzt 8,50 Mark liegen wird. Da das Geschäftsjahr 1976/77 auf der Ertragsseite einige Lichtpunkte zu bieten hat, gehen die Schätzungen von einer Bardividende von acht Mark aus. Das würde eine Gesamtausschüttung – wie bei Siemens – von 12,50 Mark bedeuten. Bei einem RWE-Kurs von 180 Mark entspräche dies einer Rendite von 6,9 Prozent. Sie liegt deutlich über der Rentenrendite. Und was wichtig ist: Das RWE sollte in der Lage sein, eine eventuelle Bardividende von acht Mark auch nachhaltig zu verdienen.

Der Vorstand der Vereinigte Elektrizitätswerke Westfalen AG, Dortmund, verspricht seinen Aktionären, daß sie sich bei der Gesellschaft „gut aufgehoben fühlen sollen“. Nun wird gerätselt: Heißt das Rücknahme der Dividende von zuletzt 7,50 auf 7 oder 6,50 Mark? Geht man von 6,50 Mark aus, so kommt man unter Einschluß der Steuergutschrift auf 10,16 Mark, bei einem Kurs von 160 Mark auf eine Rendite von 6,4 Prozent. Das wäre nicht gerade berauschend.