Das Essen war diesmal schlechter als bei Kissingers China-Visiten und das Klima nicht besser. Während des Festbanketts für den amerikanischen Außenminister Cyrus Vance deutete sein chinesischer Kollege Huang Hua auch an, warum: „Es gibt immer noch Probleme in den Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern.“ Welcher Art diese Probleme sind, hatte wenige Tage zuvor der Vorsitzende Hua Kuofeng mit gänzlich undiplomatischer Schärfe formuliert. Die „Normalisierung“, so sagte er vor dem elften Parteitag, erfordere dreierlei von Amerika: den Abbruch seiner „sogenannten diplomatischen Beziehungen zur Tschiang-Clique“, den Abzug seiner Streitkräfte von Taiwan und die Aufkündigung des „sogenannten gegenseitigen Verteidigungsabkommens“ mit der Inselrepublik, das immerhin seit 1954 besteht. „Wir sind zur Befreiung Taiwans entschlossen“, gelobte Maos Nachfolger und er verhöhnte den „sowjetischen Revisionismus“ und den „amerikanischen Imperialismus“ gleichermaßen als „Papiertiger“.

Kurzum, die amerikanische Seite müsse sich an das „Schanghaier Kommuniqué“ halten, das Nixon und Kissinger den Festlandchinesen 1972 als Morgengabe hinterlassen hatten. Dieses Kommuniqué ist freilich alles andere als eine Scheidungsbulle; Washington hatte die 17 Millionen Inselchinesen damals – auf dem Höhepunkt Kissingerscher Jonglierkünste zwischen Peking und Moskau – weder verkauft noch verstoßen. Das Dokument ist ein Knäuel diplomatischer Spitzfindigkeiten. Es erlaubte den Chinesen, ihre Position lautstark abzustecken, ohne daß die Amerikaner in irgendeiner Form ihr Plazet erteilten. Die Chinesen durften ihren Alleinvertretungsanspruch und ihre Ablehnung jeglicher Zwei-Staaten-Theorie bekräftigen. Die Amerikaner zogen sich aus der Affäre, indem sie Tautologien zu Papier gaben: „Die Vereinigten Staaten erkennen an, daß alle Chinesen auf beiden Seiten, der Taiwan-Meerenge behaupten, daß es nur ein China gibt und daß Taiwan ein Teil Chinas ist. Die Vereinigten Staaten stellen diese Auffassung nicht in Frage.“ Anfang Mai dieses Jahres fügte Jimmy Carter naiv-verschmitzt hinzu: „Ich stehe nach wie vor zum Schanghai-Kommuniqué, worin nur von einem China die Rede ist. Wir haben nicht gesagt, von welchem.“ Im gleichen Atemzug unterstrich Carter seinen Wunsch zur Normalisierung – doch unter der Bedingung, daß „das Volk von Taiwan weder bestraft noch angegriffen wird“.

Wie wollen Peking und Washington unter diesen Vorzeichen ihre Beziehungen „normalisieren“? Vor Vances Erkundungsreise wurden in Washington verschiedene Pseudokompromisse gehandelt – etwa die weitere Verringerung der amerikanischen Inselgarnison (von nur noch 1400 Mann) oder die Rückstufung der diplomatischen Beziehungen mit Taiwan auf die Geschäftsträgerebene. Senator Kennedy schlug vor, mit Taiwan zu brechen, aber „inoffizielle“ Beziehungen aufrechtzuerhalten; den Verteidigungspakt zu annullieren, aber die Sicherheit Taiwans weiterhin in irgendeiner Form zu garantieren. Etwas zu verteidigen, was man gar nicht anerkennt, wäre ein diplomatisches Meisterstück von Münchhausen-Format.

In ihrer Propaganda haben die Chinesen den Amerikanern kein einziges Hintertürchen offengelassen. Mit monotoner Eindringlichkeit haben sie immer wieder verkündet, daß Taiwan eine „innere Angelegenheit“ sei, die „keinerlei Intervention von außen zuläßt“. Sie waren bisher nicht bereit, den Amerikanern goldene Brücken zu bauen, die ihnen einen eleganten Abgang erleichtern würden. Beispielsweise könnten sie versprechen, das Taiwan-Problem nur friedlich lösen zu wollen. Selbst ein inoffizielles Pekinger Schweigegelübde wäre schon ein Fortschritt – etwa im Falle einer einseitigen amerikanischen Erklärung, die Washingtons Interesse an einer Verhandlungslösung bekräftigte.

Wahrscheinlich könnte es sich die neue Führung in Peking auch gar nicht leisten, in einem Augenblick, da die Pragmatiker die Revision der maoistischen Gesellschaftspolitik eingeleitet haben, in der weniger dringlichen nationalen Taiwan-Frage ideologische Positionen zu räumen. Präsident Carter hat zwar kein Politbüro im Nacken, aber auch er muß mit innenpolitischen Handikaps rechnen. Die China-Euphorie von 1972 ist verflogen; die alte, von Taiwan inspirierte China-Lobby regt sich wieder. Selbst die Liberalen stoßen sich mittlerweile an dem arroganten Gehabe der chinesischen Kommunisten. Die Rechtsopposition gegen den Panama-Vertrag wetzt bereits ihre Messer; auch ein neues Abkommen mit den Sowjets über die strategische Rüstung erfordert starke Bataillone im Senat. Carter kann kaum kostbares innenpolitisches Kapital vergeuden, solange ihm die Staatsmänner in Peking nicht wenigstens einen kleinen Finger reichen.

Es bläst ihm aber außenpolitisch auch kein Wind ins Gesicht. Mit dem Ende des Vietnamkrieges ist die Notwendigkeit entfallen, die Festlandchinesen hofieren zu müssen. Der Spengler-Adept Kissinger meinte zunächst noch, Peking gegen die Sowjetunion mobilisieren zu müssen, weil dem Westen die Kraft und der Wille zur Eindämmungspolitik fehlten. Unter Carter reitet Amerika jedoch wieder auf einer Welle des Selbstvertrauens – die Sowjetunion befindet sich jetzt in der Defensive. Nichts deutet darauf hin, daß sich die beiden kommunistischen Giganten wieder in die Arme fallen – im Gegenteil: Die Polemik ist seit dem Frühjahr wieder schriller geworden, und der sibirische „Papiertiger“ ist den Chinesen immer noch unheimlicher als der amerikanische.

Warum sollten die Vereinigten Staaten gerade jetzt die Stabilität Asiens erschüttern und Verbündete rund um die Welt verprellen, nur um dem Reich der Mitte den anmaßend geforderten „Tribut der Barbaren“ zu entrichten? Carter hat Zeit, aber die Chinesen auch. In Peking macht heute wieder ein altes Mao-Zitat die Runde: „Wenn die Amerikaner uns nicht in hundert Jahren anerkennen, dann werden sie uns in 101 Jahren anerkennen.“ Josef Joffe