Gelegentlich, wenn ihre Ausgabenpläne besonders groß, die verfügbaren Mittel aber, wie immer, gering sind, fällt der Blick einiger unserer Politiker auf einen Schatz, mit dem sie Wunderbares tun könnten, wenn man sie nur ließe: die Devisenreserven der Deutschen Bundesbank. Forderungen über rund 75 Milliarden Mark liegen da – genug, um auch in gestandenen Politikern Begehrlichkeit keimen zu lassen. Neuerdings heißt es, der Bundeskanzler und einige seiner Minister hätten diese Reserve in ihre Überlegungen über die Möglichkeiten einer Konjunkturbelebung einbezogen – mit welchem Ernst und mit welchem Ergebnis, werden wir spätestens in drei Wochen erfahren.

Diesen Gerüchten zufolge, die so ganz grundlos nicht sind und die bereits vor der jüngsten Welle konjunkturpolitischer Spekulationen in Umlauf waren, denkt man daran, einen Teil dieser Reserven für eine Ausdehnung der Bürgschaften für deutsche Exporte zu nutzen. Nachdem die durch den Bundeshaushalt garantierten Bürgschaften ein Volumen von 110 Milliarden Mark erreicht und damit ein Ausmaß angenommen haben, das nach Ansicht mancher Fachleute nicht mehr wesentlich überschritten werden sollte, böte sich hier ein neues, gewaltiges Sicherheitspolster an.

Überlegungen dieser Art mögen wohl verständlich sein. Es fällt in der Tat mitunter schwer, zu verstehen, daß das Ergebnis einer seit vielen Jahren prosperierenden Außenwirtschaft, eben die Notenbankreserve, nicht „aktiviert“, nicht genutzt werden darf, weil das Bundesbank-Gesetz einen solchen politischen Verfügungsanspruch nicht gestattet. Schon früher hat man auf den Schatz der Bundesbank geschielt – etwa in der Frühzeit deutscher Entwicklungshilfepolitik anfangs der sechziger Jahre; Taten sind diesen Gelüsten nie gefolgt.

So sollte es auch bleiben. Schon die Ausgangsüberlegung mag man anzweifeln: Sollten wir wirklich unsere Exporte noch mehr als bislang fördern – während alle Welt von uns eine stärkere Zunahme der Importe erwartet?

Doch trotz dieser Zweifel könnte man es akzeptieren, daß die Bundesregierung den Rahmen für öffentliche Exportbürgschaften erweitert, selbst auf die Gefahr hin, daß die durch Bürgschaften zu deckenden Risiken wachsen. Das sowohl wirtschaftliche als auch politische Risiko der Arbeitslosigkeit in der Bundesrepublik ist so groß, daß es vertretbar wäre, wachsende Gefahren der Zahlungsunfähigkeit bei nicht eben wenigen ausländischen Partnern in Kauf zu nehmen – dies um so mehr, als in der Vergangenheit das Bürgschaftsrisiko außerordentlich gering war.

Selbst dann aber, wenn eine forcierte deutsche Exportförderung künftig mehr „faule“ Risiken in Kauf nehmen müßte, sollte sie sich auf ihr in der Vergangenheit bewährtes Instrument beschränken: die „Hermes“-Garantie, die privatwirtschaftlich betrieben, jedoch vom Bund verbürgt wird. Der Rückgriff auf die Reserven der Bundesbank wäre insofern ganz überflüssig.

Und er wäre gefährlich. Denn er wäre wie der Sündenfall, dem unweigerlich neue Sünden folgen würden. Bei so vielen phantasiebegabten Geistern in unserem Lande wäre es nur eine Frage kurzer Zeit, bis weitere Formen der Nutzung unserer Notenbankreserve erdacht würden. Die Kriegskasse, einmal dem Volke vorgeführt, wäre vor Plünderung nicht mehr sicher.

Vor allem aber: Mit der Unabhängigkeit der Bundesbank wäre es vorbei. Diese Unabhängigkeit hat viel zum Wohlstand der Bundesrepublik beigetragen. Sie hat uns ein Maß an wirtschaftlicher Stabilität bewahrt, um das uns andere Länder beneiden. Es lohnt sich nicht, sie aufs Spiel zu setzen.