Von Ben Witter

Chaps sind Cowboyüberziehhosen, und wer drüben ein netter Kerl ist, den nennt man Chap, und in "Chaos", der neuen Lederbar am Hauptbahnhof, fand die "Welcome-Party" statt. Da gibt es keine Stühle. Das Ecklokal besteht über siebzig Jahre. Gegenüber ist ein Bahndamm mit Schuppen. Der Präsident des MSC-Hamburg stand auf der Treppe. Er trank eine Flasche Bier und hielt den Gästen die Hand hin. Motorräder kurvten um die Ecke und kreisten sie ein. Auf den blanken Teilen war kein Kratzer, und von einem Sozius hing eine steife Kette herunter. Sie war am Schutzblech angeschweißt. Und an den Lederuniformen blitzten Achselklappen und Knöpfe, an den Gürteln Schlüssel und an den Hacken der Schaftstiefel Sporen-, halter ohne Sporen.

Ich spürte in dem Gedränge das Leder an den Händen und im Gesicht, straff gezogen über den nackten Oberkörpern, die zweite Haut. Eingekeilt war ich und hatte ein Gesicht vor mir, das von einem Mützenschirm in Messing eingefaßt, bis zur Nase verdeckt wurde. Falls der Schirm nach vorne rutschen würde, hätte er Halt auf dem zerquetschten Nasenbein gefunden. Der Mann bahnte mir einen Weg nach draußen, und da sagte er: "Sie gehören nicht dazu und haben so getan, als sehen Sie mich gar nicht, oder liegt das an dem Zigarettenrauch?" Ganze Schwaden quollen heraus. Mit solcher Stimme konnte man noch länger über Gesichter reden, vor denen man nicht wegkommt.

Der Mann hatte ein Schlüsselbund rechts am Gürtel und hielt die Hand darüber. Seine Lederhose war nur eine Überziehhose, hinten war ein offenes Dreieck und darunter war weißer Stoff. Einer, der ein Schlüsselbund links am Gürtel trug, mit einem Gesicht, zu schmal, zu käsig und noch zu glatt, folgte ihm um die Ecke. "Wer die Schlüssel links am Gürtel trägt, da, wo das Herz ist, der ist Sadist, und wer es rechts trägt, ist Masochist. Mit den Ohrringen links oder rechts verhält es sich genauso", sagte der Präsident und wußte nicht, wo er seine leere Bierflasche abstellen sollte.

Und der Herr im braunen Anzug? Ich sollte raten, wie alt er ist. Neunundsechzig war er. Und ich sagte: "Sie sind ja höchstens ein Meter vierundsechzig groß." Er sollte reagieren, den Mund weiter öffnen, nicht im Schutz seiner Brille nur die Augen gieren lassen; dieser doppelte Glanz. Er trauert um seinen Freund, der an einem Herzinfarkt starb und eine Frau und zwei Kinder hinterläßt. Aber seine Witwe hat die Kiste mit den Peitschen noch nicht gefunden.

"Wo mag die Kiste sein?" sagte der Herr. Dabei sah er mich an. Ich sagte: "Sie möchten mich verhören, sehen in mir jetzt diese Frau, Das sehe ich Ihnen doch an, Ihre Brille ist für mich wie ein Vergrößerungsglas." – "Und ich dachte, Sie würden, sich nun zu mir hingezogen fühlen, weil das Stichwort ja von Ihnen kam: ‚Verhör‘."

Ich sagte: "Wenn die Witwe die Kiste findet, dann fürchten Sie sich vor einer Erpressung. Wie oft fühlten Sie sich nicht schon erpreßt, und bei dem Gedanken kommt Ihnen gleich die Vorstellung von einem Verhör. Aber die Kiste ist weg." "Das sagen Sie so." – "Ich kann Ihnen doch gar nicht helfen." – "Verhören Sie mich doch." "Ich bin hier doch nur ganz zufällig", sagte ich. "Wie Sie das sagen. Sind Sie Arzt?"