Den Sowjets paßt es nicht, daß eine Kunstausstellung in West-Berlin stattfindet. Für die Prawda ist die Ausstellung des Europarats ein Vorwand, „um die Illusion zu schaffen, West-Berlin gehöre zur Bundesrepublik“.

Die Ausstellung „Tendenzen der zwanziger Jahre“ ist ein Bombenerfolg: Die Besucher kommen in Scharen, Hallen müssen zeitweise geschlossen werden, Kataloge sind vergriffen. Doch die Moskauer Parteizeitung schreibt von einer Verletzung des Viermächte-Abkommens, obwohl in diesem Abkommen weder über Kunstausstellungen noch über deren Veranstalter etwas zu lesen ist – nur die Einladungspraxis, durch Senat und Bundesregierung ist geregelt.

Die Prawda fürchtet offenkundig, West-Berlin – das durch gültige Verträge seit mehr als zwei Jahrzehnten zur Europäischen Gemeinschaft gehört – solle von den „europäischen kapitalistischen Ländern“ annektiert werden. Wenn die Bundesrepublik eine Ausstellung unter, dem Ost-Berliner Fernsehturm organisiere oder wenn die Vereinigten Staaten im Moskauer Sokolniki-Park eine Leistungsschau arrangierten, ist die Prawda auf ähnliche Ideen noch nie gekommen. Aber gegenüber West-Berlin ist jeder Vorwand recht, um der Stadt eine politische, geistige und kulturelle Isolation aufzunötigen.

Die gleichen Leute, die von Vertragsverletzung reden, wo es keine gibt, haben aus gleichem Anlaß ihre sozialistischen Brüder zum Vertragsbruch genötigt. Die ungarischen Philharmoniker und einige polnische Theater-Ensembles haben kurzfristig abgesagt, zugleich aber um neue Termine nach dem 16. Oktober gebeten. Am 16. Oktober, welch Zufall, endet die Ausstellung. Die Festwochenleitung hat es vorgezogen, auf die Ungarn und Polen ganz zu verzichten.

Die Erpressungsversuche fruchten nichts, im Gegenteil, sie wirken nur noch lächerlich. Von den Sowjets ist man da schon allerlei Kurioses gewöhnt. Sie kamen sich noch nicht einmal komisch vor, als sie gegen eine Tagung des Zentralverbandes Deutscher Schornsteinfeger in Berlin oder gegen ein Tänzchen des Bundesaußenministers auf dem Berliner Presseball polemisierten. Die Berliner gehen darüber zur Tagesordnung über. Was sie wirklich aufregt, ist, daß die Organisatoren der Europarats-Ausstellung nicht einmal annähernd ahnten, auf welch großes Interesse der aufwendige Ausstellungskatalog stoßen würde.

Joachim Nawrocki (Berlin)