Soltau

Am Sonntag ist in die Heide-Kleinstadt Soltau wieder Ruhe eingekehrt. Die blankgeputzten Soltauer kommen, mit dem Gesangbuch in der Hand, aus der Kirche. Vielleicht wird sich der eine oder andere noch Werner Höfers „Frühschoppen“ zum Thema Kappler ansehen. Doch erst einmal, so scheint es, ist dieser Fall für sie abgeschlossen. Auch vor dem Fachwerkhaus, in dem Anneliese Kappler-Wenger lebt, tut sich nichts mehr. Nur ein Kripo-Mann in Zivil mit gelber öljacke flaniert noch gelangweilt vor den gegenüberliegenden Schaufenstern auf und ab. Daß Herbert Kappler noch im Haus ist (war er überhaupt jemals dort?), daran mag kaum einer noch recht glauben.

Doch das steht fest: So einen Wirbel wie in der vergangenen Woche hat’s in Soltau „seit der 1000-Jahr-Feier nach dem letzten Krieg nicht mehr gegeben“, sagt Hans Eck, Chefredakteur des Lokalblättchens Böhme-Zeitung. Und er selbst stand auch ein wenig im Scheinwerferlicht:

Seinen ersten Fernsehauftritt hat er gehabt, zwanzig deutsche und vierzig ausländische Kollegen bedient – aus Toronto, London, Kopenhagen, aus Norwegen, Amerika und Italien. „Die Italiener waren die Nettesten.“

Der Korrespondent des Corriere della Sera aber ist nach fünf Tagen Aufenthalt unter den Soltauern deprimiert: „Wir haben nur Feindseligkeit und Schadenfreude zu spüren bekommen. Es war unmöglich, etwas zu erfahren.“ Aus dem Hotel, in dem Journalisten und Photographen untergebracht waren, wurden die sieben italienischen Kollegen hinausgeworfen. „Von einer Stunde zur anderen mußten wir raus.“ Der Wirt des gastlichen Hauses brummt: „Über die Italiener haben sich eben die Touristen geärgert.“

Hans Eck weiß, wo das Herz vieler Soltauer schlägt: „Sie sind sehr konservativ und froh, daß die Flucht gelungen ist.“ Da konnten die rund 500 linken Demonstranten, die am Freitag vor das Kappler-Haus gezogen waren und seine Auslieferung forderten, des Volkes Zorn gewiß sein. „Die sollen doch nach Italien gehen, nicht Kappler!“ Es wurde gespuckt, gehupt, gepfiffen, gebuht. Weniger Aufregung verursachte einen Tag später ein Grüppchen von Rechtsextremisten, die gekommen waren, „um das Haus zu schützen“ – in schwarzen Lederjacken und Schaftstiefeln, auf den Gürteln das SS-Zeichen.

Doch Glückwünsche und Blumengrüße für die Kapplers kamen nicht nur aus Soltau, sondern aus dem ganzen Bundesgebiet – Post- und Fleuropboten gaben sich die Klinke in die Hand. Auf Wunsch von Frau Kappler wurde die Blumenflut schließlich gestoppt, weil das Haus inzwischen überquelle. Derweil unterteilte sich die Schar der Reporter und Photographen in Skatspieler (hier ist nichts rauszukriegen) und Fährtensucher, ständig auf der Jagd nach einem Exklusiv-Photo von Kappler und einer Exklusiv-Story, etwa unter dem Motto „So habe ich meinen Mann entführt“. Da wurde jede Bewegung, jede Kleinigkeit registriert: Wer war der Mann mit Koffer und dunkler Brille, der ins Haus gelassen wurde? Oder die alte Frau am Fenster – kommt man an sie ran? Da wurden umliegende Dörfer abgeklappert, Häuser beobachtet, Autos mit fremden Kennzeichen verfolgt, ja sogar der Kaufmann, bei dem trau Kappler sich versorgt hatte: „Vielleicht bringt er Konserven ins Versteck.“