Unter den größten Komikern dieses Jahrhunderts war er der bösartigste: Groucho Marx, der in der vergangenen Woche, 86 Jahre alt, in Los Angeles gestorben ist. Ein Komiker zum Lachen, keiner zum Liebhaben: Wenn Groucho Marx mit seinen Brüdern (dem stum-– men, engelshaft-holden und faunisch-wilden Harpo, dem cleveren Chico, dem schönen, schmalzigen Zeppo) die Szene betrat, brach regelmäßig der Terror aus. Und Groucho, kein Zweifel, war der Anführer, das intellektuelle Oberhaupt der Familien-Bande: Er wollte das Chaos, weil er das Chaos genoß. Alle anderen Komiker waren auch die Opfer der Verwirrungen, die sie anstifteten, waren auch mal Verlierer, das machte sie liebenswert: Chaplin, wenn er am Ende einsam die leere Straße hinunterläuft, Buster Keaton, der noch im Happy-End seine steinerne Schwermut nie verliert, Laurel und Hardy, deren Filme man nur als Katastrophenfilme nacherzählen könnte. Komik ist, was einem zustößt. Die Marx-Brothers kehrten das Gesetz einfach um: Komik ist, was man selber anrichtet. Nie in ihren Filmen, auch nicht in den tollsten Verwicklungen, hat man Angst, es könnte ihnen irgend etwas zustoßen – sie hatten die Unverfrorenheit der Sieger, und sie siegten aus Unverfrorenheit. Und Groucho war der Unverschämteste: wenn er auf eingeknickten Beinen, unerschrocken, grinsend, durchs Getümmel schritt; wenn er mit impertinentem Geschwätz Feinde in Verwirrung und Damen (vornehmlich ältere) in Verzückung versetzte und dabei höhnisch demonstrierte, daß Wörter keine Verständigungsmittel sind, sondern Kampfinstrumente. So war er, der Marx-Mensch, immer schneller, immer schlauer als der Normal-Mensch. Was Übermut ist, nämlich mehr als Mut, eine verantwortungslose, amoralische, asoziale Heiterkeit: das haben die Marx-Brothers dem Kino, das ja auch eine sentimentale Kunst ist, wie niemand sonst beigebracht. Sentiment kam nur vor, um verhöhnt zu werden: wenn Bruder Zeppo (der letzte Bruder, der nach Grouchos Tod noch lebt) treuherzig und operettenhaft in die Kamera guckte – so lange, wie ihn die bösen Brüder ließen. Sentiment ist unnütz, es bedroht den Erfolg: also behandelte Groucho auch seine Liebesaffären wie Geschäftssachen. Wenn er verzückt die Augen verdrehte, wortgewaltig um die Angebetete buhlte, hatte er doch immer nur den schnöden Vorteil im Sinn – also warb er am liebsten, um ältere, wohlhabende und wohlbeleibte Damen: schamlos, unverhüllt erbschleicherisch. In dem Film „Die Marx-Brothers im Kaufhaus“, der jetzt gerade in unseren Kinos läuft, ahnt die von Groucho Umworbene das Unheil: Hat es der geliebte Mann etwa nur auf das Geld abgesehen? Wird er nicht bald nach der Hochzeit türmen? Groucho, herzlos Wie immer, streitet das auch gar nicht ab. Einen Trost, immerhin, hat er: „Ich werde dir zweimal die Woche schreiben.“ Benjamin Henrichs