Bild weiß nicht nur, was seine Leser wünschen, Bild weiß auch, was sie wünschen sollen. Der CDU-Vorsitzende Helmut Kohl saß am Montag im Bonner Büro des Blattes zwischen elf und zwölf Uhr am Telephon. Einen Musterkatalog von Fragen, die „zum Beispiel“ an den Oppositionsführer gestellt werden sollten, veröffentlichte die Zeitung wie gewohnt gleich vorab. Die Anrufer haben sich auch brav an die Tips gehalten. Nun weiß Bild, was es von Kohl wissen wollte.

Der Anrufbeantworter hat sich, nebenbei, zu zwei bemerkenswerten Antworten hinreißen lassen. Frage: „In den Parteien CDU/CSU gibt es immer wieder Ärger. Warum machen das die Herrschaften nicht in ihren vier Wänden selber aus?“ Kohl: „Sie reden mir aus dem Herzen.“ Frage: „Hauen Sie mal auf den Tisch...“ Kohl: „Das mache ich ja...“

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Vor den Parteitagen von FDP und SPD im Spätherbst geht es, ebenso wie im Streit um die Steuern, zwischen Regierung, Parteien und Koalitionsfraktionen um den jeweiligen Anteil an der politischen Willensbildung und eine mögliche Neuverteilung des Einflusses. Fraktion und Partei sind hellwach geworden. Letztlich kann es aber nur Kompromisse zwischen allen Seiten geben; denn – so ein prominenter Sozialdemokrat – wenn der Kanzler seine Richtlinienkompetenz uneingeschränkt nutze, bestimme er sie „einmal und nicht wieder“; umgekehrt sei es undenkbar, eine Regierung ans imperative Mandat zu binden. Gegen das grassierende Wort vom „Parteitagsstaat“ hat sich auch Willy Brandt verwahrt. In der Tat steckt darin ja etwas Denunziatorisches: der heimliche Wunsch, die Parteien von der Willensbildung auszuschließen. Schon ist der Konflikt zur Sache, über Kernenergie und Arbeitsmarkt, wieder ausgeufert zu einem prinzipiellen Glaubenskrieg über Kanzlerdemokratie oder Parteitagsstaat.

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Mit der Versicherung, seine Regierung werde ohne Zeitdruck prüfen, ob der Bau des Endlagers für Atommüll in Niedersachsen zu verantworten sei, hat Ministerpräsident Ernst Albrecht lässig die ganze Prämisse ignoriert, die Kernenergiebefürworter in der Bundesregierung, bei der CDU/CSU und in der Energiewirtschaft eint: daß es mit dem Endlager ungemein eile. Mit Zwischenlagern (außerhalb Niedersachsens) ist die Entsorgungsfrage nicht zu lösen.

Albrechts Idee, das Problem zu exportieren – nach Amerika hat er nun Spitzbergen oder Grönland vorgeschlagen – gilt manchen in Bonn noch als liebenswertes Kuriosum. Entlastet fühlt sich ausgerechnet die Koalition aber deshalb, weil nun Albrecht und damit die Union voll in die Verantwortung dafür einbezogen würden, falls es zu einem Moratorium für den Reaktorbau komme: Vor allem der Landtagswahlkämpfen Albrecht wäre schuld am „Stopp“, nicht nur die Kernenergiegegner in SPD und FDP. Obwohl sie sich einigermaßen düpiert fühlt, weil sie die Absprachen mit Albrecht anders interpretiert, hat die Koalition also darauf verzichtet, zurückzubelfern.