Von Karl-Heinz Wocker

London, im August

Tritt mich noch mal, das hab’ ich gern!“ sagt der Mann der Nationalen Front in der Karikatur der Londoner Sunday Times. Sein Rumpf, seine Arme und Beine bilden ein Hakenkreuz. Der Kollege vom Observer zeichnet ein älteres deutsches Ehepaar als Touristen in London vor der zerschmissenen Scheibe eines indischen Geschäfts. Sagt er zu ihr: „Wenn man sich mal wieder jung fühlen will, geht doch nichts über eine Urlaubsreise.“ Intellektuelle Reaktionen, schiefe Vergleiche, gefährliche Ablenkungen. In einer Zeit, da es vielen Engländern gern so gut ginge wie dem Deutschen von heute, hat es wenig Sinn, ihnen vorzuhalten, sie benähmen sich wie der Deutsche von gestern. Jungen arbeitslosen Engländern sagt das Schimpfwort Nazi gar nichts.

Die Nationale Front aber baut auf die Jungen. Nicht blendende Volksredner sind gesucht, sondern harte Marschierer, die entschlossene Masse. Kaum jemand in England kennt die Führer dieser Bewegung, wohl aber wissen alle den Namen der Partei. Im Londoner Stadtteil Lewisham zog sie provozierend durch ein Viertel mit hohem Anteil farbiger Bewohner. Im Birminghamer Stadtteil Ladywood, wo vierzig Prozent der stimmberechtigten Einwanderer aus dem Commonwealth sind, hielt sie eine Versammlung ab. Beides folgte dicht aufeinander und lag wenige Tage vor der Nachwahl in Ladywood. In beiden Fällen inszenierte die Sozialistische Arbeiterpartei (SWP) Gegendemonstrationen und zwang die Polizei, sich schützend vor die „friedliche“ Rechte zu stellen. Es gab Hunderte von Verletzten und Verhafteten; unter der Waffenbeute fanden sich Küchenmesser, nagelbewehrte Schlagstöcke und Sprühflaschen mit Ammoniak. Rechtzeitig und zahlreich aufgebaute Ü-Wagen des Fernsehens vermittelten Bilder, in denen Birmingham wie Belfast aussah und London wie Londonderry: nervöse Bobbys im Steinhagel hinter Plastikschilden, dazu die haßverzerrten Gesichter der Angreifer, Burschen, denen der Bart noch lange nicht sprießen wird.

Nicht viel älter als sie ist die Nationale Front (NF). Sie hat etwa 200 Ortsverbände und hält ihre Mitgliederzahl geheim; denn sie will mehr scheinen als sein. Man schätzt sie auf etwa 10 000 bis 15 000 zahlende Anhänger. Bei den letzten Unterhauswahlen im Oktober 1974 erhielt sie für 90 Kandidaten 113 000 Stimmen. Beim nächstenmal will sie 200 bis 300 Bewerber aufstellen und hofft auf 500 000 Stimmen, die Kühneren sprechen von einer Million. „Wir sind die dritte Partei“, sagte der Kandidat in Ladywood, nachdem er sich von tätlichen Angriffen der Linkssozialisten bei der Resultatverkündigung im Rathaus erholt hatte.

Die Front entstand 1967 aus dem Zusammenschluß der „Empire Loyalists“ und der (einwandererfeindlichen) „British National Party“. Deren prominentes Mitglied John Tyndall ist heute NF-Parteivorsitzender. Er war aber auch schon bei Collin Jordans „National Socialist Movement“ in den sechziger Jahren dabei, die mit Grauhemd, Schulterriemen und Stiefeln durch die Straßen zogen und direkte Nachfahren von Oswald Mosleys „British Union of Fascists“ sein wollten. Nach dem Kriege hatte Mosley einen schwachen Versuch gemacht, mit einer „Union Movement“ den Erfolg zu wiederholen. Heute lebt er komfortabel bei Paris; die britische Polizei fürchtet er weniger als die britische Steuer.

Tyndall und sein Generalsekretär Martin Webster waren noch Kinder, als Hitler und Mussolini starben. Mit deren Ideen wollen sie nichts zu tun haben. Aber ein kürzlich erschienenes Buch über die Nationale Front zitiert aus Tyndalls vergriffener Schrift „Der autoritäre Staat“, und da zeigt sich viel Antisemitismus im Denken dieses Rechtsextremisten. Das paßt zu den antikapitalistischen Äußerungen der NF-Literatur, der Monatszeitschrift Spear Head (Speerspitze) und dem regelmäßigen NF-Bulletin. Das internationale big business so hieß es in einer solchen Mitteilung, plündere die britischen Arbeiter mit dem „gigantischen Schwindel des Gemeinsamen Marktes“ aus. Das werden auch die Leute der Sozialistischen Partei genüßlich lesen.