Ich stehe in einem Alter, das wenig geeignet ist, sogenannte fruchtbare, also nützliche Arbeit zu leisten. Es fehlt dem Alter die nötige Einseitigkeit der Jugend, um mehr oder weniger bedenkenlos einem bestimmten oder unbestimmten Ziel zuzustreben. Wer aber kein Ziel vor Augen hat, der erblindet in seinem eigenen Dunstkreis. Oder kann man es ein Ziel nennen, seinen eigenen Stil zu vervollkommnen? Während das Alter am Schreibtisch sitzt und der Meinung ist, die Welt zur Genüge zu kennen, um sich selbst kennenzulernen, wackelt die Welt wieder ein Stück vorwärts oder rückwärts – je nachdem, von welcher Seite man sie betrachtet –, und der Schreibtisch gerät plötzlich in einen anscheinend luftleeren Raum, über dem nur die sogenannten ewigen Sterne leuchten.

Es gibt muntere alte Herren, die mitwackeln und bei jedem Weltereignis dabei sind. Ich gehöre nicht zu ihnen. Wenn ich mir den Kongo anschaue, so weiß ich genügend über Vietnam oder umgekehrt; was aber bei Gott nicht bedeutet, daß mich die Leiden der Kongolesen und Vietnamesen unberührt lassen. Aber ich denke mit dem meinem Alter eigentümlichen Starrsinn, daß – wenn ich die Marschrichtung der Geschichte richtig eingeschätzt und erkannt habe – es durchaus überflüssig ist, Schritt mit ihr zu halten. Die abnehmende Neugierde beschränkt sich darauf, mit kurzsichtigen Augen die nächste Umgebung in Augenschein zu nehmen und vom Pochen des eigenen Pulsschlages auf das Befinden der Menschheit zu schließen. So scheue ich mich auch nicht, jedem zuzustimmen, der mich ungehöriger Bequemlichkeit, Mangel an Tatkraft, Mangel an Eindeutigkeit, ja, der Feigheit, der Doppelzüngigkeit bezichtigt, wenn ich mit der einen Zunge das Recht auf eigenes freies Denken, mit der anderen das Recht meiner Gegner, mich zu unterdrücken, verteidige.

Schriftsteller-Konferenzen halte ich für überflüssig, weil hinter uns, trotz Presse und Propaganda, nicht einmal so viel materielle Macht steht – Gott sei Dank, sage ich – wie hinter einem Kongreß von Binnensee-Ichthyologen. Gott sei Dank, sagte ich: Denn der Wert eines Schriftstellers besteht eben in seiner materiellen Machtlosigkeit, die ihn zum Wort, dem immateriellsten Gut der Menschheit, verhilft und zwingt! Wenn er auch noch so überzeugt sein sollte, mit seinem Wort die lebende Materie, etwa die Gesellschaft verändern zu können, so wird er früher oder später zu seiner nicht geringen Überraschung feststellen müssen, daß ihm das scheinbar folgsame Objekt mit einem lustigen Augenzwinkern ausgewichen, aus den Händen gerutscht ist und sich in eine Form gekleidet hat, in der er seine eigene Vision nicht mehr wiedererkennt.

In meiner heutigen Gemütsverfassung, in siebzig Jahren erarbeitet, habe ich sowohl für meine Parteigänger als auch für meine Gegner immer sofort eine Entschuldigung zur Hand, denn ich schätze sie beide gleich hoch ein. Aus den Entschuldigungen werden Argumente für oder wider. Aus den Argumenten Wirrsal.

In der unermeßlichen Welt unserer spitzfindigen Gedanken- und Kulturgüter will es mir scheinen, daß Für und Wider nur die zwei gleichberechtigten Hälften eines Ganzen sind und daß wir uns nur aus angeborenem Starrsinn und aus Zerstörungswut, aus purer menschlicher Schlechtigkeit für die eine oder andere einsetzen. Denn letzten Endes hat immer das Ganze recht!

Da wird mir etwa die Frage vorgesetzt, ob ein „realistischer“ Roman heute noch überzeugend ist. Mich persönlich würde er langweilen. Also: nein. Ein Leser aus den ungarischen werktätigen Klassen, Arbeiter, Bauer, Handwerker, der erst heute mit Kunst und Literatur Bekanntschaft macht, sagt aber: ja. Nach seinem zweiten oder dritten realistischen Roman hingegen, wenn er zufällig einen Jules Verne in die Hand bekommt, wird er aus Leibeskräften „nein“ schreien.

Dann werde ich gefragt, ob heute noch auf hohem literarischen Niveau unreflektiert erzählt werden kann. Ja, um Gottes willen, warum nicht? Vorausgesetzt natürlich, daß der Schriftsteller von elementarem Welthunger und von Weltneugierde besessen ist, die ihn zu den einmaligen großen Gesten des Lebens befähigen und zwingen. Ob es heute solche Schriftsteller gibt?