/ Von Richard Hey

Seit ein paar Jahren, seit es die „Neue Innerlichkeit“ bei uns gibt oder wie sonst dasSich-Selbst-Versenken von Schriftstellern heute bezeichnet wird, reden immer mehr Literaten, Literaturliebhaber und Kritiker achtungsvoll, ja begeistert von Georges Simenon.

Merkwürdiges Zusammentreffen. Simenon wurde ja nicht gerade als Aussteller eigener Seelenschmerzen bekannt. Der Verfasser von rund zweihundert Romanen, darunter die Hälfte Krimis – nicht gerechnet ein paar Bände Geschichten und die Groschenhefte, mit denen er anfing –, hat auch kaum je Sympathie für feinsinnige Literaturverwalter geäußert. Im Gegenteil, er wollte unbedingt vermeiden, je „wie diese Leute zu reden“. Und ich erinnere mich, als ich Anfang der fünfziger Jahre meine ersten (bei Kiepenheuer & Witsch erschienenen) „Maigret“-Romane gelesen hatte und sie, wo ich hinkam, als realistische Literatur rühmte, da habe ich bei, vielen dieser Verwalter nur befremdetes Hochziehen der Augenbrauen bewirkt. Zwar hieß es schon damals, Simenon sei der Balzac unserer Zeit. Aber seine Krimis ernst zu nehmen, war ein Zeichen von Unernst. Man verschlang sie heimlich. Andererseits, die Nicht-Krimis, in denen der Balzac sich also geäußert haben mußte, kamen nur spärlich auf deutsch heraus, gingen mehr oder weniger unter. Und später schien es überhaupt, als würden Maigrets und Nicht-Maigrets quer durch deutsche Verlage planlos und lieblos verhökert.

Damit soll es jetzt vorbei sein. Der Diogenes Verlag hat mit der Herausgabe von „Non-Maigret“-Romanen, von „harten“ Romanen (so nennt sie Simenon selbst) begonnen und gleichzeitig einen Band „Tagebücher“ von Simenon und seinen „Briefwechsel mit André Gide“ veröffentlicht. Die Bücher sind handlich, angenehm anzusehen, gut anzufassen, schön gesetzt und sorgfältig, als Reihe erkennbar, aufgemacht. Und sie sind nicht zu teuer.

Für alte und neue Leser Simenons, für damalige Augenbrauenhochzieher und heutige Sensible eine Gelegenheit, Maigret vorübergehend zu vergessen und sich auf einige der Romane einzulassen, die Simenon offenbar für wichtiger hält als seine Krimis, weil sie gleichsam, auf einer höheren Produktionsstufe seiner Entwicklung entstanden –

Georges Simenon: 55 Bellas Tod“, „Sonntag“, „Im Falle eines Unfalls“, „Die grünen Fensterläden“, „Der Schnee war schmutzig“, „Briefe an meinen Richter“, „Der Verdächtige“, „Der Mörder“, Romane, aus dem Französischen von Lothar Baier, Eugen Heimlé, Barbara Klau, Willi A. Koch; detebe, 135/1–VIII, Diogenes Verlag, Zürich, 1977; je zwischen 148 und 223 S., 5,80, 6,80 und 16,80 DM.

Scheinbar handelt es sich hier eher um lange Erzählungen als um Romane: jeweils eine genau gezeichnete, zumeist ausweglos in eine Leidenschaft, in ein existenzgefährdendes Aufbegehren verstrickte Hauptperson, immer ein Mann, dazu die so gut wie immer nur mit Hilfe der Hauptperson und aus ihrer Perspektive wahrgenommenen Nebenpersonen, die nicht weniger verstrickt sind. Aber die Meisterschaft, mit der komplizierte psychische Vorgänge der jeweiligen Hauptperson samt ihren Aktionen, Reaktionen und Wunsch-, träumen dem Leser vorgeführt werden, die oft unglaublich eindringliche Schilderung von Landschaft, Stadt, sozialer Umgebung, all das geht weit über eine Erzählung hinaus.