Von Volker Mauersberger

Madrid‚ im August

Sein Wahlkampfphoto klebt noch an Litfaßsäulen und Häuserwänden – und seine Bewunderer sagen, daß er darauf wie Manolete aussieht: wie Spaniens berühmtester Stierkämpfer, der unter den Toreros der dreißiger Jahre der melancholischste war und der manchmal wirkte, als träume er auch bei der Corrida ein klein wenig vor sich hin. Mag sein, daß die schlanke andalusische Erscheinung, das schwarze, bis auf den Hemdkragen fallende Haar und der Anflug von Müdigkeit um die Augen viele Spanier an das Idol von damals erinnern. An diesem Nachmittag wirkt Felipe González eher wie ein junger Mann, der in fröhlicher Ferienlaunè in den Freundeskreis zurückgekehrt ist, in das unaufgeräumte Parteibüro an Madrids Calle Garcia Morato, umgeben von Paco, dem schlaksigen Leibwächter, und einer Gruppe feixender, bärtiger Freunde. An den Wänden Bilder von Marx, Engels und Parteivater Pablo Eglesias, dazwischen das Plakat der Juniwahlen: Socialismo es libertad. Vota PSOE.

Pablo Iglesias könnte sich heute nur wundern, wer seine Nachfolge im Vorsitz der Sozialistischen Arbeiterpartei Spaniens (PSOE) angetreten hat. Wo der spanische August Bebel vor einem halben Jahrhundert mit Strohhut, feierlichem Zweireiher und gedrechseltem Spazierstock die Segnungen des Sozialismus verkündete, streitet heute ein junger Mann von 35 Jahren, bekleidet mit zerfransten Tennisschuhen, verwaschenen Jeans, einem Sporthemd und wie üblich: ohne Krawatte. Die PSOE überstieg bis zum Ausbruch des Bürgerkrieges nie die Mitgliederzahl von achtzigtausend, heute steuert sie unter Felipe González auf die Zweihunderttausend-Grenze zu – in der spanischen Parteienlandschaft, die nie straff organisierte Mitgliederparteien europäischen Zuschnitts kannte, eine kleine Sensation. Mit hundertundachtzehn Abgeordneten ist die Sozialistische Arbeiterpartei Spaniens jetzt in den neugewählten Cortes die zweitstärkste Fraktion. Neben König Juan Carlos und Ministerpräsident Suárez gehört der Vorsitzende "Felipe" zu den populärsten politischen Führern der Nation.

Der "schöne andalusische Junge", wie ihn eine französische Illustrierte nannte, ist zu einer Schlüsselfigur der spanischen Innenpolitik geworden: Als Sprecher der parlamentarischen Opposition verhandelte er bei der Verteilung der Ausschußsitze in Senat und Kongreß mit einer Geschicklichkeit, die nahezu vergessen ließ, daß sich der Führer der PSOE vor kaum zwei Jahren noch vor Francos Geheimpolizei verstecken mußte und daß er keinerlei Parlamentserfahrung besitzt. "Suárez kriecht um ihn herum wie eine Katze", heißt es in den Wandelgängen der Cortes bereits, wenn der Regierungschef, Führer des Centro democratico, und sein sozialistischer Gegenspieler in einem der Nebenzimmer verschwinden. Um zu verhindern, daß die Kommunistische Partei im neugewählten Parlament mit Hilfe der katalanischen Kommunisten zwei Fraktionen bildete, paukten die Sozialisten mit Unterstützung des Centro democratico eine Mindest-Fraktionsstärke von 15 Abgeordneten durch – und handelten sich prompt den Vorwurf ein, sie hätten sich als Anhängsel der Regierung erwiesen. "Somos la oposicion" ("Wir sind die Opposition"), hatte Felipe González dagegen am Tag nach den Wahlen verkündet.

In der Tat haben inzwischen sowohl die 166 Abgeordneten der Zentrumsallianz wie die 20 Parlamentarier der Kommunisten die Hartnäckigkeit der Sozialisten-Fraktion gespürt. "Die Musik klingt gut – aber laßt uns erst die Noten sehend, hatte Felipe González nach der Vorlage des wirtschaftlichen Reformprogramms der Regierung gesagt. Inzwischen gilt als sicher, daß die sozialistische Fraktion das Wirtschaftsprogramm von Minister Fuentes Quintana scharf attackieren, wenn nicht gar ablehnen wird.

Um nicht in den Geruch von Koalitionen mit den Kommunisten zu kommen, geht Felipe Gonzalez gegen die Partei Santiago Carrillos besonders bei den bevorstehenden Gemeindewahlen in die Offensive. Die kommunistische Fraktion hatte bei der Wahl zum Unterhauspräsidenten einen sozialistischen Abgeordneten nicht unterstützt. Nun will Felipe González diesen Fall zum Anlaß nehmen, die linke Wählerschaft unter sein Banner zu zwingen. "Die PSOE geht wie eine Dampfwalze vor", verkündete Ramon Tamames im Namen der Kommunisten nach den ersten Abstimmungen wütend.