Die Lage in Äthiopien ist verworren. Die Landesteile im Norden und Südwesten, Eritrea und Ogaden, die Kaiser Halle Selassi mit Gewalt und Diplomatie beim Reich behielt, scheinen fast vollständig in der Hand von Befreiungsbewegungen zu sein.

Seit Ausbruch der Kämpfe dementierte die Militärregierung in Addis Abeba das Vordringen des Gegners und meldete eigene „Erfolge“. Am vergangenen Wochenende jedoch gab Staatschef Mengistu den Verlust von drei ertreischen Städten zu. Weiter teilte er in seiner Radioansprache mit, daß auch die Industriestadt Diredaua, ein wichtiger Eisenbahnknotenpunkt an der Linie Addis Abeba–Djibouti, von gegnerischen Panzern, mit Raketen und Luftunterstützung angegriffen worden sei, was einer Kriegserklärung gleichkäme. Er rief daher, zur Generalmobilmachung auf.

Es gebe schlüssige Beweise – so behauptete Mengistu –, daß die Kämpfe um Ogaden und Eritrea unter einem „zentralen Oberkommando“ stünden. Den unter dem Deckmantel der West-Somalischen Befreiungsfront (WSLF) operierenden Truppen Somalias hätten sich jetzt auch Iraker und Syrer angeschlossen, um in Ogaden eine Regierung einzusetzen, die den Anschluß an Somalia betreiben solle.

Im Wüstengebiet Ogaden, von Äthiopien im Jahre 1890 annektiert, wohnen vor allem somalisch sprechende Nomaden. Die Regierung in Mogadischu betrachtet daher dieses Territorium, das rund ein Drittel Äthiopiens ausmacht, als historischen Teil ihres Staatsgebietes. Die somalische Regierung bestreitet jedoch bis jetzt, daß ihre Streitkräfte im Ogaden kämpfen; Mogadischu unterstütze lediglich, den Befreiungskampf der westsomalischen Guerrilleros.

Der seit langem schwelende Konflikt um Ogaden. eskalierte in den vergangenen beiden Monaten zu einem blutigen Wüstenkrieg. Das sozialistische Somalia, das seit seiner Unabhängigkeit 1960 stets auf wirtschaftliche und militärische Unterstützung der Sowjetunion rechnen konnte, fühlte sich seit Anfang des Jahres von Moskau verraten. Damals begann der Kreml, den benachbarten Erzfeind Äthiopien, das soeben den noch aus der Zeit Haile Selassies stammenden amerikanischen Beratern die Tür gewiesen hatte, militärisch aufzurüsten.

Mehrere Monate betrieb der somalische Staatschef Siad Barre eine Schaukelpolitik zwischen Ost und West; doch am vorigen Wochenende erlitten die somalischsowjetischen Beziehungen einen deutlichen Rückschlag. Somalia forderte die Sowjetunion auf, sich beim Konflikt am Horn „wenigstens neutral“ zu verhalten. Sollte der Kreml auf dem bisherigen Standpunkt beharren, werde Somalia dem zu begegnen wissen – ein Hinweis unter vielen, daß die rund 6000 in Somalia stationierten sowjetischen Militär- und Zivilberater das Land verlassen müssen.

Die Erfolgsmeldungen Somalias und Äthiopiens widersprechen einander. Fest steht, daß in zehn der vierzehn äthiopischen Provinzen gekämpft wird. In seiner Radioansprache gab Mengistu ernste Verluste auf beiden Seiten beim Kampf um die drittgrößte Stadt Diredaua zu. Nach neuesten äthiopischen Meldungen soll die Stadt jetzt wieder in der Hand der Regierungstruppen sein. Nach ihren eigenen Angaben kontrollieren die ihren somalischen Guerrilleros dagegen 97 Prozent des umstrittenen Ogaden im Süden des Landes. Der Gesamtsieg sei greifbar nahe. Sie wollen 1500 Äthiopier getötet und ein Kampfflugzeug abgeschossen haben. Die nördliche Provinz Eritrea scheint ebenfalls an die Rebellen verloren.