Hörenswert

Southside Johnny And The Asbury Jukes: „This Time It’s For Real“. Diese Rhythm-&-Blues-Bigband aus New Jersey spielt nicht nur den typischen Memphis-Soul der mittsechziger Jahre so hinreißend wie derzeit keine zweite, sie „swingt“ auch so selbstverständlich und gefühlvoll, daß man die jahrelange Routine in verräucherten Klubs vor fingerschnippendem Publikum gar nicht überhören kann. Einige der besten Songs sind eine witzige und durchaus zeitgenössische Hommage an die „kommerzielle“ schwarze R-&-B-Musik der fünfziger Jahre. Leider sind die Aufnahmen stellenweise miserabel ausgesteuert und gemischt. (Epic EPC 81909)

Franz Schüler

„The European Scene – The Willem Breuker Kollektief live at the Donaueschingen Music Festival“. Dieser Breuker ist ein witziger Mann; er ist auch ein (politisch) engagierter Kopf, ein guter Musiker und ein einfallsreicher Improvisator. Es gibt also auch etwas zu lachen, wenn er mit seinem Kollektief das „Warenhaus der (klassischen, frühsozialistischen oder der Jazz-)Musik“ plündert und persifliert und eine, wie er sagt, „gemeine Musik“ macht. Sie ist eine eigenartige Verwandte des (Free) Jazz, klingt oft rauh und ruppig und läßt den, der ihr wirklich zuhört (und die hilfreiche Einführung auf der Plattentasche gelesen hat), keinen Augenblick kalt: Breuker, der (Baß-)Klarinette und Saxophon bläst, hat eine Gruppe hervorragender Solisten um sich geschart. (MPS 68.168) Manfred Sack

Zuckersüß Christian Anders: ,,... denn ich liebe dich so sehr – 7 Songs und eine Sinfonie“. Die „Malibu“-Sinfonie beginnt mit einem Pauken-Ostinato wie in der Ersten von Johannes Brahms, eines ihrer Themen ähnelt dem „Agamemnon“-Ruf der Elektra von Richard Strauss, ein anderes dem „Sieglinde“-Motiv aus Richard Wagners „Walküre“ – Christian Anders, hauptberuflich Liebesträumer und „Küssen-Wissen“-Reimer, hat sich gut abgesichert, als er, in Marbelia in einer Casa Malibu sitzend, den Ausflug in die scheinbar Ernste Musik beschloß. Vom zuckersüßen Sirup aus der Barry-Ryan-Flasche, die er ansonsten nur für seine Herz-Schmerz-Liedchen benutzt, tröpfelte, nein schüttete er auch aufs Partitur-Papier für eine Sinfonieorchester-Besetzung. Und so bleibt nur die Frage, was denn eigentlich erschreckender sei: die Selbstverleugnung von Musikern, die (wenn auch feixend, wie das Plattencover zeigt) für ein Honorar sogar dies zu spielen bereit sind – oder der Masochismus einer Firma, die ihr Label dafür bereitstellen mag. Übrigens dürfen die Kollegen von der Literatur sich langsam wappnen – von Christian Anders sind, verrät das Plattentüten-Innere, schon in Vorbereitung zwei Romane: „Der Freigänger“ („Die dramatische Geschichte einer großen Liebe. Zwei Menschen kämpfen um ihr Glück“) und „Steve Tender – Odyssee der Rache“ („Ein Abenteuerroman um Liebe, Leidenschaft, Gefahr und ... Karate“). (Electrola 1 C 066-32 328)

Heinz Josef Herbort