Wie kann man über die Liebe schreiben? Ein Stuttgarter Verlag weiß Rat. In der Samstagausgabe einer Tageszeitung bietet er seine Dienste an: „So schreibt man Liebesbriefe für Freundschaft u. Ehe, 6,50 DM.“ Dafür erhält man eine orangerote Broschüre, in der steht: „Viele Menschen greifen nicht gern zur Feder. Woher das kommt, das wissen wir alle: Einmal fühlt man sich nicht in Stimmung, ein andermal kommt man müde und abgearbeitet nach Hause. Manchmal macht auch die Formulierung Kopfzerbrechen.“

Doch diese Zeiten sind jetzt vorbei. Mit Blick auf eine Marktlücke, die „wiederholt ausgesprochene Bitte vieler Kunden“ und den kleinbürgerlichen Traum vom „anspruchsvollen“ Brief, der „schön und gefühlvoll“, „interessant abgefaßt ist“, „fasziniert“, „beeindruckt“ oder „freudig erregt“, entschieden die Verlagsleute, „helfend einzugreifen und brauchbare Vorlagen zu schaffen“.

Zum Beispiel so: „Heute ist ein herrlicher Tag. Während draußen die Sonne lacht, die Vögel zwitschern und von irgendwoher leise Musik erklingt, sitze ich an meinem Schreibtisch und denke an Dich.“ Was sich ein Musterbrief Schreiber „in tiefer Liebe“ zu denken hat, erfährt der Leser schon im nächsten Satz des Briefes an die „Liebste Carla!“: „Was wirst Du wohl jetzt tun, wie geht es Dir, denkt mein Liebes zuweilen auch an mich? So schwirrt es durch meinen Kopf, Es ist ein süßes Fragestellen.“

Das „süße Fragestellen“: nur eine von vielen Phrasen der „70 Musterbriefe für Freundschaft und Ehe“, die Hilfe versprechen und leere Floskeln verkaufen. Mut zu den eigenen Gefühlen und zur eigenen Sprache machen die Musterbriefe nicht. Demonstriert wird statt dessen, wie man sich hinter Worten verbergen kann. Und in der Gebrauchsanleitung werden die Sprachlosen gewarnt, „nicht wie ein offenes Buch“ zu wirken. Seien Sie vorsichtig, nicht alle Menschen sind Engel.“

Waren sie nicht „des Alleinseins müde“ – die verängstigten Musterbriefschreiber würden schweigen und sich abfinden mit dem, was ist. Doch in der Broschüre gibt es für Herz- und andere Probleme die bekannte (Schlager-)Lösung: die vielzitierte Liebe. Schwierigkeiten, die die Menschen haben mit sich und ihrer Umwelt, werden stets auf den fehlenden Partner zurückgeführt. „Ist das Leben nicht inhaltslos, wenn man fortgesetzt auf natürliche Wünsche und Belange verzichten muß?“

„Endlich haben wir uns gefunden und unser Herz ausgeschüttet“, „DeineWorte von Liebe und Treue klingen mir noch immer wie Musik in meinen Ohren“, „Es ist wie ein Rausch, der mich plötzlich erfaßt“ – mit solchen Formulierungen warten einige der „witzigsten“ Musterbriefe auf, Briefe, die aber wohl eher aus Menschen Witzfiguren machen und das den „Witzfiguren“ ohne Witz verkaufen. Beispielhaft führen die Briefhändler die kommerzielle Ausbeutung von Gefühlen und Sprachklischees vor.

Auch das Ende einer Beziehung bedeutet für sie nicht das Ende des Geschäfts mit den Phrasen. Die „unglückliche Irma“ im vorbildlichen Abschiedsbrief: „Liebster, frage nicht, in welcher Verfassung ich mich befinde, und wie ich leide ... Ich bin am Ende meiner Kräfte. Kannst Du mir verzeihen, wenn ich dem Willen meiner Eltern nachgebe und Dich notgedrungen verlasse ...? Ich sehe keinen anderen Ausweg mehr, aber ich wage nicht, daran zu denken, wie Dich das treffen wird. Bitte sei tapfer, versuche, mich zu vergessen, und laß’\ Dich in Gedanken noch einmal innigst umarmen.“