Von Werner Schmalenbach

Sie alle haben die berühmte Frage im Ohr, mit der im ersten Teil des „Faust“ Gretchen ihren großen Verehrer bedrängt: „Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?“ An die Kunst der zwanziger Jahre mochte man, ja ich meine, muß man die Gretchenfrage richten: wie hast du’s, wie habt ihr’s, wie hattet ihr’s mit der Realität? Wie verhielt sich diese vielgepriesene, vielgescholtene Kunst der zwanziger Jahre zur Wirklichkeit? Vielleicht ist diese Frage überhaupt und grundsätzlich an alle Kunst zu-richten: denn alle Kunst, zu allen Zeiten, ist doch wohl ein Mittel, die Wirklichkeit zu bewältigen, der Wirklichkeit zu begegnen, mit der Wirklichkeit irgendwie fertig zu werden oder ihr irgendeinen Sinn zu geben.

Die Frage nach der Wirklichkeit ist immer gestellt. Aber gilt das auch für die Kunst dieser zwischen Zwei Weltkriege eingekeilten Dekade? Präsentiert sich die Kunst der zwanziger Jahre nicht extrem wirklichkeitsfern, als ein circulus vitiosus stilistischer Ideen, als ein wahrer Hexenkessel von reinen Stilkonzepten, als ein Sturm im ästhetischen Wasserglas? Als etwas also, das zwar viel mit Kunst, aber herzlich wenig mit der Wirklichkeit zu tun hatte? Denken Sie doch nur an all die ästhetischen Ideologien, die da nachder ersten, heroischen Phase der Moderne, nach Kubismus, Futurismus und Expressionismus auf den Plan traten: Dadaismus, Abstraktionismus und Purismus, Geometrismus und Konstruktivismus, Suprematismus und Neoplastizismus, Verismus und Surrealismus, und wie sie alle hießen. In Anbetracht dieses fröhlichen Lateins ist man versucht zu sagen, die Kunst habe sich im Kreise gedreht, mehr mit ihren eigenen Methoden als mit der Realität befaßt.

Und diese Realität war doch weiß Gott eine bedrängende und beklemmende, ein mühsames Atemholen zwischen zwei Weltkatastrophen ungeheuerlichen Ausmaßes. Kann man die Kunst dieser Zeitspanne von dem Vorwurf freisprechen, nichts Von all dem, was da geschah, bemerkt und durch politische Abstinenz allem, was dann kam, Vorschub geleistet zu haben? Krieg, Zusammenbruch, Revolution, Inflation, Weltwirtschaftskrise, Armeen von Arbeitslosen und schließlich Diktatur, Terror und Krieg: das ist doch die Bilanz, die wir zu ziehen haben. Und dieser verheerenden Bilanz steht eine ganz andere, eine optimistische und euphorische Bilanz der zeitgenössischen Künste gegenüber.

Es gab Künstler, die dieser Wirklichkeit eine direkte Antwort ins Gesicht schleuderten. Künstler, die sich nicht stilistischen Exerzitien hingaben, sondern die in ihrer Kunst mit den Realitäten der Zeit abrechneten. Da wurde dem lebensgefährlichen Spießer nicht eine ganz andere geistige Möglichkeit entgegengesetzt, da wurde er erbarmungslos zur Schau gestellt. Wir sprechen heute angesichts solcher Bilder von engagierter Kunst und meinen eine Kunst, die in direkter Weise zu sozialen und politischen Fakten Stellung nimmt. Aber natürlich wird zu fragen sein, ob das leidenschaftliche Engagement in der Realität nicht auch ganz andere Formen annehmen konnte, oder umgekehrt: ob nicht ganz andere Formen, scheinbar formalere Formen – abstrakte Kunst – ein gleiches Maß an gesellschaftlicher Aussagekraft besaßen. Lassen Sie mich ein Beispiel aus der Randzone der zwanziger Jahre wählen: den Ersten Weltkrieg. Man konnte ihn anprangern, indem man Schützengräben, platzende Schrapnells und zerfetzte Menschenleiber malte – die ganze Grausamkeit des Krieges. Aber man konnte ihn auch so anprangern, wie es etwa die Dadaisten taten, indem sie den hohlen nationalistischen Schablonen die Produkte eines freien Denkens entgegensetzten, dem dumpfen Kollektivismus von Krieg und Kriegstaumel den extremen intellektuellen und künstlerischen Individualismus, die totale Verweigerung und nicht zuletzt die scharfe Waffe des Humors.

Was ist Realität?

Der Begriff der Realität, der Begriff des Realismus gibt uns manche Nuß zu knacken. Auf eine erkenntnistheoretische Diskussion dieser Begriffe werde ich mich hier ganz gewiß nicht einlassen, sie hat schon manchen in den philosophischen Dschungel geführt. Aber soviel steht doch wohl fest: Wir können, wenn wir von Kunst sprechen, den Begriff der Realität nicht auf die sichtbare Wirklichkeit beschränken, und den Realismus nicht auf eine Kunst, die diese sichtbare Wirklichkeit – photographisch oder kritisch – zum Gegenstand nimmt. Realität, das ist nicht nur das, was man sieht, sondern das ist auch die Zeit, in der man lebt, und ein Künstler, der dieser Zeit seinen Tribut zollt, steht, selbst wenn er etwa abstrakte Bilder malt, mitten in dieser Zeit und somit mitten in der geschichtlichen Wirklichkeit. Näher an dieser Wirklichkeit von 1925 jedenfalls als einer, der, als wäre nichts geschehen, Landschaften malte wie anno dazumal. Es geschieht eben in einem Zeitalter mehr als das, was im politischen und wirtschaftlichen Teil der Zeitungen steht, und auch mehr als das, was im politischen und wirtschaftlichen Teil der Zeitungen verschwiegen wird. Ein schneeweißes Bild von Piet Mondrian mit seinen wenigen schwarzen Balken, horizontal und vertikal: ist das nicht ein zeitträchtiges und also realitätsträchtiges Dokument und damit ein bedeutsames Stück geschichtlicher Wirklichkeit?