Die Physiognomie eines magenkranken Menschen: Das ist Molières „Misanthrop“, dargestellt von einem guten Schauspieler. Denn Magengeschwür und Zwölffingerdarmgeschwur, Ulcus ventriculi und Ulcus duodeni, gelten als Beispiele für psychosomatische Erkrankungen – Krankheiten also, bei denen seelische und körperliche Ursachen und Symptome zusammenspielen (der Zwölffingerdarm ist der oberste Teil des Dünndarms; er schließt sich direkt an den Magen an).

Als Anfang unseres Jahrhunderts die Landflucht einsetzte und Menschen aus der ruhigen Welt des Bauernhofes in die Hektik der Großstädte abwanderten, stieg die Zahl der Magengeschwüre. Und ähnliches wiederholt sich in unseren Tagen: Gastarbeiter, die aus der armen, aber gelassenen Welt der Dörfer Siziliens oder der Türkei kommen, leiden häufiger an Magen- und Zwölffingerdarmgeschwüren als die deutsche Normalbevölkerung. Ärzte sprechen deshalb von einem „Urbanisationsulkus“, womit zwar die Erscheinung definiert, nicht aber die Ursachen geklärt wären. Das Magengeschwür ist eine der großen Krankheiten unserer Zeit, auch wenn die Zahl der Ulcus-duodeni-Patienten in allen westlichen Industrieländern seit drei Jahrzehnten zurückgeht – warum, das kann niemand sagen.

Nun besteht Hoffnung, daß die schmerzhaften Geschwüre im Magen und im Zwölffingerdarm weiter an Schrecken verlieren. Rechtzeitig zum 29. Therapiekongreß in Karlsruhe, der diesen Samstag beginnt, präsentieren Pharmakologen den neuen Wirkstoff Cimetidin, der Ulkus besser und schneller als bisher heilen soll. Unter dem Markennamen Tagamet (Hersteller: die deutsche Tochterfirma des US-Pharmakonzerns Smith Kline) darf das neue Medikament nach seiner Zulassung beim Berliner Bundesgesundheitsamt seit einigen Wochen schon gegen Rezept in Deutschland verkauft werden.

Über die Vorgänge, die zum Magen- oder Zwölffingerdarmgeschwür führen, wissen Ärzte und Forscher freilich so gut wie nichts: Das Ulkus ist plötzlich da. Mediziner hatten früher gemeint, daß die Magensäure eine entscheidende Rolle spielt, weil sie die Magenschleimhaut angreift. Heute ist jedoch bekannt, daß diese von der Magenschleimhaut produzierte Salzsäure nur eine sekundäre Rolle spielt.

Professor Werner Creutzfeld, Chef der Medizinischen Klinik der Universität Göttingen: „Man nimmt allgemein an, daß das Magengeschwür auf der Grundlage einer chronischen Entzündung der Magenschleimhaut entsteht. Und diese Entzündung kommt mit großer Wahrscheinlichkeit durch ein Rückfließen von Galle aus dem Zwölffingerdarm in den Magen zustande. Die Galle enthält eine Reihe von Substanzen, gegen die die Magenschleimhaut schutzlos ist.“ Ein Geschwür entsteht allerdings nur, wenn auch Magensäure vorhanden ist.

Das doppelt kohlensaure Natron, früher als Allheilmittel mit und ohne ärztliche Anweisung genutzt, ist als Säurebinder weitgehend aus der Therapie verschwunden. Es bewirkt zwar eine Neutralisierung der Magensäure für einen kurzen Zeitraum und lindert damit die Schmerzen. Nach dem Abklingen seiner Wirkung aber beginnt die Magenschleimhaut um so heftiger Säure zu produzieren.

Seit geraumer Zeit verwenden Ärzte deshalb säurebindende Mittel, die diese Nachwirkung nicht haben: Aluminium- und Magnesiumsalze, die vermutlich die Magenschleimhaut mit einem schützenden Film überziehen.