Aubing-West ist ein Münchner er Stadtteil – weit außerhalb. Eine Menge Wohnblöcke und sonst nur das Nötigste: eine Buslinie, einige Läden. Dahinter die Stadtgrenze, Wiesen und Wald. Für Kinder ein langweiliges Tummelfeld mit Sandkisten. Das änderte sich schlagartig an einem Montagvormittag in den großen Ferien: Zwei Lastwagen karrten Metallgerüste, Stoffplanen, 150 Bierkisten, Autoreifen, Holzplatten und alte Möbel auf die zentrale Aubinger Wiese. Ein paar junge Leute im gemütlichen Gammellook, die sich schon Wochen zuvor mit den Aubinger Kindern angefreundet hatten, gaben das Kommando: „Jetzt wird gebaut!“ Zusammen mit den Jungen und Mädchen des Stadtteils stellten sie eine provisorische Filmstadt auf die Wiese, mit allem, was zu einem Spiel-Hollywood gehört: Schauspielschulen, einer Arbeitsvermittlung für Schauspieler und Kulissenschieber auf Jobsuche, Filmstudios mit Pappkulissen, einer Garderobe voller Säcke, Bettücher und alter Kleider, „Karla’s Snackbar“ mit preisgünstigen Angeboten an Pudding, Tee und Popcorn – und natürlich einer Super-8-Filmkamera.

In diesen Sommerwochen hatten die Aubinger Kinder erstmals keine Beschäftigungsprobleme. Sie leimten Kulissen, nähten Kleider, verfaßten Drehbücher, lernten Gesichter schneiden und Texte sprechen. Aus dem kreativen Chaos – von den Erwachsenen zunächst skeptisch beobachtet – entstanden schließlich sieben technisch unperfekte, aber komisch-verblüffende Filme mit Titeln wie: „Der Autoknacker“, „Im Westernsaloon“, „Zwei Freunde streiten sich“ oder „Klaus Störtebecker“. Auf einem „Aubinger Filmfestival“ wurden sie uraufgeführt.

Inzwischen haben diese Unterhaltungsversuche unter dem Namen „Pädagogische Aktion e. V.“ eine gut organisierte Zentrale und im kommunalen Geschehen sogar einen anerkannten, festen Platz bekommen. Das war nicht immer so.

„Die zetteln da so neue Sachen in den Stadtteilen an“, hieß es zögernd im Rathaus, als die Gründer, drei Kunsterzieher – zunächst auf eigene Rechnung – ihre Arbeit begannen. Anlieger beschwerten sich über den Lärm, und Mütter fürchteten um Gesundheit und Sicherheit ihres Nachwuchses. –

Inzwischen aber haben sich den Initiatoren Sozialpädagogen, Studenten, Kulturarbeiter und Eltern angeschlossen. „Wir haben versucht, den Muff von tausend Jahren auch aus der schulischen Kulturerziehung vertreiben“, sagt Wolfgang Zacharias. Anstatt den Kindern Geschichte mit Zahlenkolonnen und dicken Büchern beizubringen, zog die „Pädagogische Aktion“ ins Stadtmuseum. Dort spielten die Kinder „Mittelalterliches Handwerkerleben in München“; sie bastelten Stadtmodelle, malten die Bilder aus der Ära Max Emanuels nach und führten ein Theaterstück über den Salzhandel zur Stadtgründerzeit auf.

In den sonst so ehrwürdig-ruhigen Räumen der Städtischen Galerie tauchten innerhalb – weniger Wochen 500 Kinder auf, die mit Kunst-Steckbriefen nach bestimmten Bildern suchten, ein beliebiges Kandinsky-Gemälde nachzeichneten oder aus dicken Tonklumpen und Gips Plastiken imitierten. Eine Ausstellung der Kinder-Werke im Musen-Tempel krönte die Aktion „Erobert das Museum“.

Während des Sommers rollen drei Pädagogen-Teams mit Spielbussen durch die Stadt; an verschiedenen Schulen finden während der Ferien Kinder-Theaterwochen statt; auf stillen Plätzen und in Hinterhöfen werden Jahrmärkte veranstaltet; und in einem Stadtpark läuft eine zweiwöchige Sommerakademie zum Basteln und Malen, die mit einer Auktion endet. Zu den jüngsten Projekten gehört ein Spielalbum ein Sammelheft, in das Münchner Kinder 240 Bilder von alten und neuen Stadtszenen und -ansichten einkleben dürfen.