Sehenswert

„Golddiggers of 1933“ von Mervyn LeRoy („Little Caesar“, 1931) ist ein Musterbeispiel der „Backstage“-Musicals der Produktionsfirma Warner: Hartgesottene Showgirls mit losem Mundwerk und Herzen aus Gold (Ruby Keeler, Joan Blondell, Aline MacMahon, Ginger Rogers) proben eine aufwendige Revue und jagen nach Millionären. Die Choreographie von Busby Berkeley, dem „Méllês des Musicals“ (Andrew Sarris), ist von unschuldiger Vulgarität und schwindelerregender Extravagant In „Pettin’ in the Park“ springt ein lüsternes Baby aus dem Kinderwagen und reicht Dick Powell einen Büchsenöffner, um das metallene Badekostüm Ruby Kellers aufzumachen. Dutzende platinblonder Mädchen mit weißen, elektrisch beleuchteten Violinen formieren sich zu einer gigantischen Geige vor dunklem Hintergrund („Shadow Waltz“). Eskapismus und Engagement verbinden sich auf geradezu atemberaubende Weise, wenn im berühmten Depressions-Finale „Remember My Forgotten Man“ surrealistische Phantasie in bittere soziale Anklage umschlägt In untertitelter Originalfassung in den Programmkinos.

Mittelmäßig

„Grete Minde“ von Heidi Genée. Für ihren ersten Film (Bundesfilmpreis 1977 und diesjähriger Berlinale-Beitrag) hat sich die renommierte Cutterin Heidi Genie Fontanes Novelle als literarische Vorlage gewählt: die zu Anfang des 17. Jahrhunderts spielende „Geschichte einer verzweifelten Rache“ (Genée), in der ein weiblicher Michael Kohlhaas (Katerina Jacob) gegen die bigotte Intoleranz und die erstarrten Zwänge ihrer Umwelt aufbegehrt. Heidi Genée, der das „Geradeaus-Erzählen als die einzig legitime Form“ erscheint, der die Identifikation des Zuschauers mit den Helden „das Allerwichtigste beim Kino“ ist, erzählt hier perfekt und steril geradeaus ins Leere. Während Dekors, Kostüme und Landschaften mit geradezu akribischer Sorgfalt „ausgestellt“ werden, bleiben die Darsteller nur Marionetten in einem betulichen Bilderbogen. Von der „Wut und Kraft“, die Heidi Genée an der Fontane-Novelle fasziniert haben, spürt man in dieser leidenschaftslosen Literatur-Umsetzung kaum einen Hauch. Es scheint, als hätten die fast 20jährigen Erfahrungen im Schneideraum zwar Heidi Genées Gespür für vermeidbare (technische) Fehler geschärft, ihr aber auch jegliche Spontaneität ausgetrieben.

Ärgerlich

„Bilitis“ von David Hamilton. Von „Emanuela“, dem Spielfilmerstling des Modephotographen Just Jaeckin, unterscheidet sich dies Regiedebüt des modischen Photographen David Hamilton, der mit Bildern von Nymphchen weltberühmt wurde, wie ein bundesdeutscher „Hausfrauen-Report“ von einem „Schulmädchen-Report“: nur durchs Alter der Protagonistinnen. Für die Bebilderung seiner Pubertätsträume im Pensionatsmilieu hat Hamilton „Les Chansons de Bilitis“ des französischen Symbolisten Pierre Louys ausgegraben, dessen Roman „La Femme et le Pantin“ gerade von Luis Buñuel verfilmt wurde („Cet obscur objet du désir“). Der Reiz von Hamiltons erotischen „Moment“-Aufnahmen zerdehnt sich hier zum Arrangement peinlicher Posen. Seine Linsen-Tricks und der musikalische Sirup von Francis Lai, dem Hauskomponisten Claude Lelouchs, verkleben Augen und Ohren. Eigentlich ist es irreführend, die Sterilität dieser Boutiquen-Erotik als Spielfilm zu bezeichnen: Es ist ein Photo-Roman. „De Luxe“. Das Album kann man bereits kaufen.

Helmut W. Banz