Von Rainer Frenkel

Noch vor wenigen Jahren, vielleicht noch vor Monaten, hätte die Meldung einen Strom von Emotionen ausgelöst; heute ist sie kaum mehr als eine zu nostalgischer Rahmung ermunternde Notiz: Gegen Ende dieses Jahres wird der letzte Käfer aus der Bundesrepublik in die USA verschifft. Ja: die Produktion des Krabbeltiers wird hierzulande eingestellt.

Nicht, daß es ihn dann nicht mehr gäbe. Daß Amerikaner oder Deutsche ihn nicht mehr kaufen könnten. Doch das mit weit über neunzehn Millionen Stück meistverkaufte Auto der Welt, dieses blecherne Symbolprodukt des deutschen Wirtschaftswunders, gleichermaßen unverdrossen rackerndes Nutztier, Filmstar und Liebling ungezählter Fan-Clubs, wird dann aus Mexiko kommen. Oder aus Brasilien. Ein ur-deutsches Stück Geschichte wird in anderer Umgebung weitergeschrieben. Der Käfer wandert aus. Flieg, Käfer, flieg.

Überraschend freilich ist das nicht. Seit langem ist schließlich bekannt: Der Käfer, dieser – vom englischen Taxi abgesehen – letzte noch produzierte Oldtimer, ist in der Herstellung zu teuer und zu verschwenderisch im Umgang mit Rohstoffen; seine Technik ist ausgereizt, dabei hoffnungslos veraltet; die Zahl seiner Liebhaber ist klein geworden.

Doch es sind nicht diese nüchternen Erklärungen, die die deutsche Öffentlichkeit den Abtritt ihres Wundertiers so leicht verschmerzen lassen. Es istetwas anderes, die Überzeugung nämlich, der Käfer habe, wie das einem so verehrten Wesen zukommt, einen Nachfolger gefunden. Ein Produkt also, das nicht nur die geschäftliche, sondern auch die emotionale Tradition fortsetzen kann. Der Käfer II heißt, das ist längst ausgemacht, VW Golf. Alle Indizien scheinen das zu belegen: der überragende Markterfolg; ein Design, ein Image, das ihn wie den Vorgänger zum klassenlosen Gefährt erhebt; sogar einen amerikanischen Tiernamen hat er längst, rabbit (Kaninchen) – schließlich ist auch das Kosewort Käfer amerikanischen Ursprungs (beetle).

Tatsächlich verleitet die kurze Geschichte des Golf zu neuerlicher Heroisierung eines Stücks Technik. Schon kurz nach seiner Einführung im Juli 1974 übernahm er das Kommando in der deutschen Auto-Bestsellerliste – und gab es seither nicht wieder ab. Derzeitiger Marktanteil: rund zehn Prozent; Spitzenreiter ist er auch in Europa mit 340 000 Verkäufen im vergangenen Jahr.

Seit Beginn wurden 1,55 Millionen Golf produziert. Am Tag rollen heute im VW-Konzern (einschließlich Audi NSU) weltweit gut 9500 fertige Autos vom Band, fast 2500 unter dem Signum Golf oder rabbit; die Audis abgezogen, ist bereits jeder dritte VW ein Golf.