Welche Abenteuer kann man heute bei einer Urlaubsreise schon erleben? Das Flugzeug hat Verspätung, und man verpaßt eine Verbindung. Das Flugpersonal in irgendeinem Land streikt, und man kann nicht zur geplanten Zeit zurückfliegen. Der Koffer landet in Bangkok statt in Rom. Das bestellte Zimmer ist besetzt. Man wird bestohlen. Man schmuggelt eine Stange Zigaretten und eine Flasche Kognak mehr als erlaubt. Viel mehr Reiseabenteuer gibt es heute nicht. Autopannen kann man nicht als Urlaubsabenteuer bezeichnen, sie sind nicht urlaubsspezifisch.

Bis auf den eventuell gelungenen Schmuggel und eventuelle Liebesgeschichten sind das alles negative Abenteuer, die kein Erfolgserlebnis bieten. Allesamt sind sie aber auch nicht so tragisch, daß sie einen zum Märtyrer machen, was auch eine Art Erfolg sein könnte. Der Schmuggel erbringt im besten Fall etwa fünfundzwanzig Mark Gewinn, was in keinem Verhältnis zu den Reisekosten steht. Urlaubsliebschaften sind in der Zeit der Pille und der Freizügigkeit weniger abenteuerlich als die bürgerlichste Ehe.

Wenn man also einen Abenteuerurlaub haben will, muß man die Ferien in der eigenen Stadt verbringen. Einzige Bedingung: Die Familie muß verreisen, man muß allein; bleiben.

Alles, was man im Ausland erleben kann, kann man auch zu Hause haben. Verspätetes Flugzeug? Wenn man einen Stadtbus verpaßt, ist es ein qualitativ gleiches Erlebnis. Schwierigkeiten mit der Rückkehr nach Hause? Man braucht sich nur in einem entfernten Stadtteil um zwei Uhr nachts ohne Geld in der Tasche zu befinden. Wenn man vergißt, die Wäsche rechtzeitig in die Waschmaschine zu stecken, steht man bald vor gleichen Problemen wie bei einem verirrten Koffer; noch besser, wenn die Maschine kaputtgeht – in einer Zeit, in der alle Mechaniker und alle Wäschereien Urlaub machen. Wenn man sich konsequent weigert, die Wohnung zu säubern – nach dem Motto von Saint-Simon „Ich bin nicht mein eigener Lakai“ – wird sie in kurzer Zeit genauso unbewohnbar sein wie ein von fremden Leuten besetztes Hotelzimmer. Bestohlen werden kann man leicht in der eigenen Stadt, bei jedem Einkauf. Statt Zigaretten zu schmuggeln, kann man versuchen, sie in einem Supermarkt zu klauen – das Risiko und der Gewinn, also auch das Abenteuer, sind dabei größer.

Was die Liebesabenteuer betrifft, sind sie in der eigenen Stadt viel interessanter als irgendwo an der Costa Brava oder in Honolulu. Zumal der Ferienschatten, den man da findet, sowieso aus Pforzheim oder aus Wanne-Eickel kommt. Bei Romanzen mit einheimischen Damen droht einem ja im Süden der Pfarrer oder der starke Bruder beziehungsweise der bewaffnete Vater, im Norden die Erkältung. Abenteuerinnen haben es im Süden besser – die von der strengen Moral geplagten einheimischen Männer warten schon auf sie. Somit ist es aber kein Abenteuer genauso wie die Jagd auf Touristen oder Touristinnen, von denen es mindestens drei pro Quadratmeter Ferienort gibt. Ferienliebschaften sind auch allzu risikolos, um abenteuerlich zu sein. Man weiß ja, daß die meisten Kurzzeitpartner danach brav zu ihren Familien zurückfahren.

In der Stadt ist alles viel abenteuerlicher. Potentielle Partner gibt es in einer Großstadt zu Ferienzeiten mehr als sonst. Sagen wir, in Hamburg bleibt mindestens eine Million Menschen, und das sind die hartgesottenen Männer und Frauen, denn die braven und angepaßten sind mit ihren Familien oder festen Partnern verreist. Man muß sie aber suchen – sie liegen nicht in der Sonne griffbereit, mit den Vor- oder Hinterteilen nach oben! Da fängt schon das Abenteuer an.

Es kribbelt dabei auch ganz anders als in Ischia, denn die Gefahren sind hier viel größer. Der nette Mann, dem man sich als Geschiedene vorgestellt hat und der auch behauptet, glücklich geschieden zu sein, kann sich als heiratslustiger Junggeselle entpuppen. Und man kann ihm nicht zum Abschied eine falsche Adresse angeben, weil man nur drei Straßen weiter wohnt und sich während des Einkaufs beim Gemüsehändler kennengelernt hat.