Wohnungsprobleme

Berlin

Bahnhof Zoo, Samstag nachmittag 17.30 Uhr, an der Normaluhr: Den oft besungenen Platz füllt eine Menschenschlange von 250 bis 300 Wartenden, die sich von Minute zu Minute verlängert. Diszipliniert stehen sie, zwei und zwei hintereinander aufgereiht, vor einem provisorisch eingerichteten Zeitungsstand. Es sind die unterschiedlichsten Gestalten: Langhaarige und Bärtige, bunt gekleidete Junge und seriös beschlipstes „Mittelalter“. Sie alle warten auf ein Ereignis, das jeden Samstag gegen halb sieben Uhr eintritt: Ein Lieferwagen erscheint, und herausgeworfen werden Stapel der Berliner Morgenpost. Es ist die Sonntagsausgabe mit dem größten privaten Wohnungsangebot für Berlin.

Ganz Kluge haben dem Zeitungsverkäufer die 70 Pfennige bereits vorher in die Hand gedrückt, sie rennen los, die „Mottenpost“ unterm Arm, in eine der Telephonzellen gegenüber, die möglichst schon vom mitgebrachten Freund oder von der Freundin in Beschlag genommen wurde. Die Anzeigenseiten werden hastig durchgesehen, Wohnungsangebote mit Telephonnummer sofort angerufen. Viele Wohnungen, die in der Sonntagsausgabe angeboten werden, sind auf diese Weise am Samstagabend um sieben Uhr schon vergeben.

Wohnungssuche in Berlin ist ein Kampf aller gegen alle, bei dem sich nur die Listigen und Schnellsten durchsetzen und natürlich, wie zu Zeiten des Schwarzmarktes, die mit dem dicksten finanziellen Polster. 50 000 Wohnungswechsel pro Jahr, so schätzt man, gibt es in dieser Stadt; 30 000 davon laufen über Makler, 20 000 über den sogenannten „stillen Markt“ der Verwandten, Bekannten und sonstigen Beziehungen.

Die Nachfrage ist mehr als doppelt so groß wie das Angebot; am schwersten sind „familiengerechte“ Wohnungen zu bekommen, also Zwei- bis Drei-Zimmer-Wohnungen. Die Konkurrenz unter den Wohnungssuchenden ist hart, und was die privaten Wohnungsanbieter als sogenannten Abstand verlangen, ist oft unverschämt viel. 80 Prozent der Beträge, die die Nach- an die Vormieter für alte Möbel, Teppiche oder Kücheneinrichtungen zahlen müssen, sind um mehr als die Hälfte überhöht, sagen die Sachverständigen.

Weit über die Hälfte der Berliner Wohnungen sind Altbauten. Sie sind wegen ihrer großzügigen Grundrisse und erschwinglichen Mieten besonders gefragt... Doch knapp zehn Prozent dieser Wohnungen sind jene unzumutbaren „Bruchbuden“ mit Außentoiletten, die von mehr als zwei Mietparteien benutzt werden.